Witz fürs Auge: Ein Kind, mit Schnurrbart, liegt im Gitterbett. Es ist "frühreif". Weil es einen Schrankenwärter zum Vater hat, kennt die Mama kein höheres Lob, als dem Sprößling "die Intelligenz eines Bahnhofsvorstandes" zu bescheinigen.

Witz fürs Ohr: Romeo und Julia haben, dreihundert Jahre nach Shakespeares wilder Zeit, keinen Becher Gift geleert, sondern ein Händchen voll Schlafpulver geschluckt. Nach sechzig Jahren sinken sie, jugendfrisch und tüchtig ausgeschlafen, einander wieder in die Arme. Julia trug schon ein Kind unter dem Herzen, als die Familienfehde die jungen Liebenden ihr Heil in einer Schlafkur suchen ließ. Der Balg ist in sechs Dezennien mütterlicher Nachtruhe zu einem kräftigen Greis in Windeln herangereift. Als die junge Mutter das rüstige Rentnerbaby seinem jugendlichen Vater präsentiert, zetert das Wickelkind mit den Altersfalten: "Ich bin der Großvater meiner Eltern.

Baby mit Bart oder greiser Säugling, der einen zwar grammatisch möglichen, logisch (auch: bio-logisch) aber hirnrissigen Satz lallt vom Kind als dem Urahn seiner Erzeuger –: aus dem Zusammenstoß solcher Gegensätze schlägt die Berliner Schaubühne am Lehniner Platz einen Abend lang witzige Funken, ohne daß die auch gleich ein Feuerwerk entzündeten.

"Dramen aus dem täglichen Leben – cafe-concert" heißt das Vergnügen, das mehr als zwanzig Mitglieder der Schaubühne, von denen mehrere auch als Regisseure beteiligt sind, mit neunundzwanzig Miniatur-Dramen des französischen Schriftstellers, Zeichners, Kabarettisten und Librettisten Pierre Henri Cami (1884-1958) anrichten. (Zwei Stücke waren in der ZEIT vom 16. September zu lesen.)

Karl-Ernst Herrmann hat den Saal A des Theaters in den Alptraum eines "cafeconcert" verwandelt: In einer Achteck-Halle, deren Wände bespannt sind mit gefältelten Plastikbahnen in morbidem Badezimmergrün, stehen fünfzig oder sechzig kleine runde Vierertische, wie man sie von Pariser Straßencafes kennt.

An zwei Schmalseiten des unregelmäßigen Achteckensaals stehen Klaviere – und daß nur an einem geklimpert wird (Greger Hansen), während am anderen eine Walze läuft oder es von der anderen Seite, hinter der Wand, bespielt wird, ist schon einer der – kleinen – Witze, wie sie der in die anmutigen Spelunken des "café-concert", der Tingeltangel-Bühnen des Varietés vernarrte Cami liebte. Jetzt steht der Pianist auf – und munter klimpert das Pianoforte weiter. Während der Tastenkünstler entgeistert flieht, öffnet sich die Wand über dem Klavier, läßt eine kleine Loge sehen, in der ein Männergesangverein, Tränen in der Kehle, ein Lied anstimmt.

Karl-Ernst Herrmanns wie eine Meergrotte schimmernder Bühnenraum mit den bleich leuchtenden Art-Deco-Lampen ist einer der kräftigsten Mit-Spieler. Je länger der Abend, desto länger unsere Hälse. Noch applaudieren wir einem der absurdgrotesken Einakter auf der durch einen roten Vorhang geschlossenen Hauptbühne, da öffnen sich die drei Spiegeltüren der Rückwand auf eine weitere Bühne.