Von Susanne Schneider

Es gibt Augenblicke, da wird die Einsamkeit des Langstreckenläufers zum Wunschbild. Es gibt Momente, da spielst du deine eigene Hinrichtung und ertappst dich bei dem Gedanken: Das könnte die Rettung sein.

Wenn das Licht dir mit mehreren tausend Watt in die Augen geschleudert wird und du verzweifelt versuchst, hinter dieser Wand aus Scheinwerfern wenigstens eine menschliche Regung zu erhaschen, dann verbiete dir zu denken: Mein Gott, das also ist das Theater! Aber du denkst es doch. Spätestens dann hoffst du, daß es der großen Elisabeth Bergner auch so erging, als sie ihr erstes Engagement suchte, und versuchst, der Anekdote zu glauben, wonach Einstein ein schlechter Schüler war.

So konnte ich nur schwer verstehen, warum alle „Tootsie“ erst dann liebten, als sich der erfolglose Schauspieler Michael Dorsey in die erfolgreiche Dorothy Michaels verwandelt hatte. Denn mir wurde gerade am Anfang des Films warm ums Herz: Wenn Dustin Hoff man bereit ist, sich zu verkleinern oder zu vergrößern, um engagiert zu werden, wenn er sich zwingt, „ja“ zu sagen zu jeder Erniedrigung, die von ihm erwartet wird.

Drei Jahre habe ich an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst, dem Mozarteum in Salzburg, auf das Vorsprechen hingearbeitet. Als ich zusammen mit elf anderen unter Hunderten von Bewerbern ausgesucht worden war, hatte ich gedacht: Jetzt geht mein Weg unaufhaltsam nach oben, denn Talent setzt sich durch. Drei Jahre habe ich getanzt, gesteppt, gefochten, meine Stimme trainiert, habe neu lernen müssen, wie man das „a“ ausspricht, improvisiert und mich an meine ersten Rollen herangetastet. Mühsam habe ich begriffen, was es heißt, eine fremde Person zu erspüren, wie schwierig es ist, zu erahnen, wie jemand, der ich nicht bin und den ich nicht kenne, fühlt und sich verhält. Und schon auf der vertrauten Probebühne oft dieses Gefühl der Hilflosigkeit. Bei Zweier-Szenen ist ja noch jemand da, den ich spüren und mit dem ich sprechen kann – etwas aus dem anderen holen, haben wir das genannt. Nur bei den Monologen!

Niemand sonst spricht edle Worte in korrekten Sätzen, wenn er allein ist und in extremen Situationen steckt. Aber nicht nur das. Wie muß es einer Antigone ergangen sein? Wie soll ich nachvollziehen, was es bedeutet, wenn der eigene Bruder nicht innerhalb der Stadtmauer begraben werden darf? Warum dieses junge Mädchen sich gegen den König stellt und lieber stirbt, als ihre Ideale zu verraten. Ihr Mut fasziniert mich, und somit die Rolle, also spreche ich sie vor. Nur wo?

Ich bewerbe mich bei fürfzig Theatern. Die ganz großen, die Wunschbühnen, sind natürlich auch darunter. Einmal an den Münchner Kammerspielen, einmal an der Schaubühne in Berlin!