Die Jugendstrafe verfehlt ihre Ziele – eine neue Untersuchung müßte die Juristen stutzig machen

Von Hanno Kühnert

Das war nur ein so kleines Kerlchen. Den konnte man in die Hosentasche stecken. Er galt als notorischer Ausbrecher. Er ist mit 14 Jahren gekommen. Mit 17 haben wir ihn entlassen. Er ist aber schon wieder straffällig geworden. Er war zwei Tage draußen..., und nun ist er wieder in der Anstalt, hat schon wieder eine neue Akte. Wir mußten ihm immer Einschluß geben, Ausgangssperre, eben so ganz normale Sachen, die eben jeder bekommt. Er war quasi unser Maskottchen, wir haben ihm schon gar nicht mehr alles so übelgenommen. Es hat ihn jeder gerne gehabt; den kleinen Anton konnte jeder leiden.“

Diesen offenbar ganz normalen Spruch eines Aufsichtsbeamten der Jugendstrafanstalt Hameln, diese bizarr-liebevolle Charakterisierung, die beinahe wie ein Nachruf klingt, haben neun Kriminologen und Soziologen einem Buch vorangestellt, das die Strafjustiz der Bundesrepublik erschüttern müßte, wenn sie denn überhaupt zu erschüttern wäre (Peter Alexis Albrecht, Horst Schüler-Springorum: Jugendstrafe an Vierzehn- und Fünfzehnjährigen, München 1983).

Vor Milde nicht zurückschrecken

„Jugendstrafe ist Freiheitsentzug in einer Jugendstrafanstalt“, definiert das Gesetz. Als die Untersuchung im Juli in Bonn veröffentlicht wurde, hatte sie nur deshalb bescheidene Resonanz, weil sich der vierzehnjährige Türke Nafiz am 11. Mai 1983 in der Untersuchungshaft mit seinem Leibriemen am Bett erhängt hatte. Die Ratlosigkeit über den Selbstmord des Türken war groß.

Die neun Kriminologen haben die Lebenswege und Gefängnis-Schicksale von mehr als 200 jungen Strafgefangenen dieser Altersgruppe untersucht. Jährlich sitzen fast konstant rund hundert junge Leute von vierzehn und fünfzehn in Strafhaft, mindestens noch einmal so viele in Untersuchungshaft. Die Forscher studierten Strafurteile, gingen in die Jugendstrafanstalten und sprachen mit den jungen Delinquenten, sie diskutierten mit vielen Bediensteten des Strafvollzugs, sie werteten die umfangreiche Literatur über Heimunterbringung aus, sie zerlegten Lebensbilder, sie betrachteten bei alledem kritisch die eigene Rolle – kurz, sie gaben sich alle Mühe, eine Frage zu beantworten, die sich nicht nur Rechtsphilosophen, sondern auch Jugendrichter, Vollzugsbeamte, aufgeschlossene Staatsanwälte und manchmal sogar Eltern stellen: Nützt eigentlich Gefängnis für so junge Menschen? Kann die Haft bewirken, was nicht nur der Bürger, sondern auch der Gesetzgeber für selbstverständlich hält, nämlich daß „der Verurteilte dazu erzogen werden (soll), künftig einen rechtschaffenen und verantwortungsbewußten Lebenswandel zu führen“?