„Niels Klims unterirdische Reisen“, von Ludwig Holberg. Nicht als Lustspieldichter, als den wir ihn heute noch kennen, sondern ab Romancier hat der dänische Aufklärer Ludwig Holberg (1684-1754) in seinem eigenen, dem achtzehnten Jahrhundert die meisten Leser gefunden und die meisten Ideen in Bewegung gebracht. 1741 erschien sein erster (und einziger) Roman, „Nicolai Klimii iter subterraneum“ – auf lateinisch also, und, aus Angst vor drohender Zensur, in Leipzig, nicht in Kopenhagen. Das Lateinische war der raschen Verbreitung des Buches förderlich: Im deichen Jahr noch kam – außer der französischen und der holländischen – die erste von mehreren deutschen Übersetzungen heraus. Eine davon, die Mengeische aus dem Jahre 1748, hat bereits 1970 Hans Adolf Neunzig im Christian Wegner Verlag neu herausgegeben und der „Sprache unseres Jahrhunderts behutsam angeglichen“. Im Verlag Karin Kramer liegt jetzt die Faksimileausgabe einer späteren, 1788 in Berlin erschienenen Verdeutschung vor, ergänzt durch Illustrationen der Erstausgabe und andere Bildbeigaben sowie durch eine Einleitung von Bernd Kramer. – Niels Klim, der wie Holberg selber in Kopenhagen Philosophie und Theologie studiert hat, Kehrt 1664 in seine Heimat Norwegen zurück und stürzt beim Erforschen einer Höhle ins Erdinnere. Wohlbehalten landet er auf dem Planeten Nazar, der um eine unterirdische Sonne kreist und den Baum-Menschen bewohnen. Im Staate Potu (eine anagrammatische Anspielung auf Utopia) wird er als Läufer angestellt. Als er vorschlägt, die Frauen von den Regierungsgeschäften auszuschließen, verbannt man ihn ans Firmament der Erdinnenwelt. Doch in Quama, einem der drei dortigen Staaten, wird er zum Kaiser ausgerufen, gerät in kriegerische Auseinandersetzungen und stürzt – er hat auf der Flucht vor dem Feind in einer Höhle Schutz gesucht – auf die Erde zurück. Er wird Küster in Bergen und stirbt dort 1695; seine unterirdischen Reisen haben zehn Jahre gedauert.

Holbergs Roman war als Abelins lateinische Übersetzung von Klims eigener Schilderung deklariert: eine Vorsichtsmaßnahme, denn er enthielt deutliche Kritik an der pietistischen Staatsauffassung des damaligen dänischen Königs, Christians VI., dazu ein Plädoyer für Gedankenfreiheit und für eine aufgeklärte Monarchie. Einen radikalen oder gar revolutionären staatstheoretischen Gegenentwurf bietet Holberg freilich nicht; er wollte die damals beliebte Form der erfundenen Reisebeschreibung parodieren und „gewisse Schriftsteller“ lächerlich machen, „welche in der Beschreibung weit entlegner Lande uns so viele Fabeln für Wahrheiten verkaufen“ – so schreibt er in seiner dritten autobiographischen Epistel (1745), in der es an anderer Stelle heißt: „Die meisten Moralisten ... wärmen das Alte nur wieder auf und sagen nichts mehr, als was andre bereits davon gesagt haben und was allen Leuten längstens bekannt ist ... Diejenigen aber richten weit mehr aus, welche die falschen Meinungen aus dem Wege räumen und die wahren Begriffe mit aller Schärfe den Herzen einprägen, welche allgemeine und fast durchgehendes angenommene Irrtümer angreifen.“ (Karin Kramer Verlag, Berlin, 1983; 530 S., 28,– DM.) Hanns Grössel