Berlin: „Dimension IV – Neue Malerei in Deutschland“

So schnell kann’s gehen: „Die ‚Dimension IV‘“ – der vierte des von Philip Morris gesponserten, alle zwei Jahre stattfindenden Kunstwettbewerbs – „... kam zu spät. Die, die sich hier dem Urteil der Juroren hatten stellen sollen, bewarben sich erst gar nicht.“ In sympathischer Offenheit erwähnen die Veranstalter die Achillesferse gleich in der Einleitung des Katalogs: Die Neuen Wilden, Heftigen, oder wie immer man die neoexpressive Strömung der letzten Jahre etikettieren mag, mochten nun, da internationaler Ruhm (und Marktgängigkeit) sie vollends eingeholt hat, sich einem jurierten Wettbewerb nicht mehr aussetzen, zumal der besonders der Förderung der „jungen Kunst“ dienen und eine „Bühne auch für spröde, unkommerzielle, schwer zu vermittelnde Kunst“ sein will. Der ursprüngliche Titel „Nachkonzeptionelle Malerei“, der das Entree der Heftigen besonders in der Berliner Nationalgalerie akzentuiert hätte, wurde denn zugunsten des nichtssagendverlegenen Titels „Neue Malerei in Deutschland“ fallengelassen. Der Boykott der neu Arrivierten von Moritzplatz bis Mülheimer Freiheit hätte dabei kein Manko sein müssen, wäre man nur übers bloße Bedauern hinaus bestrebt gewesen, die unterschiedlichen, ja unversöhnlichen ästhetischen Konzepte zu klären, die der Malerei der Heftigen wie der von ihnen befehdeten Konzeptuellen und Konstruktiven zugrunde liegt, als deren Domäne gerade die Nationalgalerie gilt. So blieb’s bei einem diffusen, das Einzelwerk isolierenden – und in den Augen der Post-Moderne antiquierten – Qualitätsbegriff, unter dem sich die – unvermeidlichen – Kompromisse der Jury versöhnen ließen. 26 Künstler sind schließlich unter 2285 Einsendern – die die stürmisch gewachsene Beliebtheit der vor sechs Jahren mit mageren 60 Bewerbern gestarteten „Dimension“ belegen – übriggeblieben und mit 76 Arbeiten in der großzügigen, vorzüglich gehängten Ausstellung vertreten. Ein neuer Trend oder eine generelle Richtung sind nicht erkennbar, und so ist auch die Auswahl der Preisträger: Je ein erster Preis ging an den Berliner ter Hell, dessen. Schriftbilder eine höchst bemerkenswerte Brücke vom Action Painting zur Konzeptkunst schlagen, und an die Hamburgerin Sigrun Jakubaschke, die in der lichten Halle der Nationalgalerie den angemessenen Raum zu einer großen, Malerei und Skulptur umschließenden Installation fand. Der zweite Preis für Joachim Kettel, der manchem Kölner Wilden zum Verwechseln ähnelt, scheint eher des Ausgleichs wegen erteilt worden zu sein. Aus dem Rahmen junger Kunst fallend, aber im Vergleich um so spannender ist die Teilnahme von Günther Fruhtrunk des inzwischen verstorbenen Einzelgängers unter den Geometrikem. Ihm hat Dieter Honisch im opulenten Katalog einen eindringlichen Beitrag gewidmet, der, zwischen den Zeilen gelesen, das Unbehagen des Direktors der Nationalgalerie gegenüber den jenseits eines im Individuum gegründeten Qualitäts- und Wahrheitsanspruchs angesiedelten Heftigen einsichtig macht. Auch so trägt „Dimension IV“ zur Klärung der Standpunkte bei. (Nationalgalerie Berlin, bis 30. 10., anschließend München und Düsseldorf; Katalog DM 30,-.) Bernhard Schuh

Schwäbisch Hall: „Max Neumann“

Was läßt einen Papst die Fassung verlieren? Francis Bacons schreiender Papst sieht aus wie ein moderner Höllensturz. Da ist es schon irritierend, den Maler bloß von Malerei reden zu hören – von seiner Liebe zu Monet, von dem Sonnenuntergang, der dieser aufgerissene Papstmund eigentlich hat werden sollen. Bacon legt es nicht darauf an, Schrecknisse auszumalen, sein Interesse gehört – das wird er nicht müde, dem erstaunten Betrachter entgegenzuhalten – dem Bild. „Die Gewalttätigkeit der Wirklichkeit“, wie er das nennt, schlägt dann ganz selbstverständlich beim Arbeiten durch. Die Angst ist ohne Nachfrage da. So sieht es auch beim jungen Max Neumann aus: Ein Rot steht bei Neumann als eine brutale Tatsache, und die Linien krümmen sich wie unter Druck. Die Sicherungen gegenständlicher Beschreibung brennen durch. Dieser rote Tisch oder diese violette Tasse spielen eine dunkle Rolle. Im Blickpunkt steht die menschliche Figur. Aber die Fähigkeit, sich aufrecht zu halten und den Kopf über den Schultern zu tragen, ist ihr abhanden gekommen. Auch gelingt sie nur in Schwarz; das ist kein beinhartes Schwarz, sondern ein flüssiges Schatten-Schwarz. Verspannt und verkantet, erinnert sie an die Strichmänner, die Kafka gezeichnet hat, denen die Unfreiheit in den Gliedern sitzt. Ihr Körper ist von Bruchstellen aus gedacht, jede Bildbewegung deckt sie auf. Der Eindruck des „Unvermeidlichen“, von dem auch Bacon gesprochen hat, resultiert dabei aus einer nachprüfbaren Schärfe der Bildeinstellung. – In Schwäbisch Hall scheinen die Arbeiten Neumanns wie von weit hergeholt. In einem alten patrizischen Gemäuer am Markt, um den die Vergangenheit sich malerisch konzentriert, daß es einem das Herz nach rückwärts schlagen läßt. Eine Stadt, die liebevoll und gewinnbringend ihr altes Gesicht pflegt; die „Galerie am Markt“, eine Zelle für zeitgenössische Kunst, ist der erfreuliche Widerspruch, den sie sich seit einigen Jahren leistet, (Städtische Galerie am Markt bis 6. November.) Volker Bauermeister

Wichtige Ausstellungen

Berlin: „Irische Kunst ans drei Jahrtausenden – Thesaurus Hiberniae“ (Staatliche Museen Preußischer Kulturbesitz, Skulpturengalerie bis 23. 10., Katalog 20 Mark)

Berlin: „Julio González“ (Akademie der Künste bis 23. 10., Katalog 24 Mark)