Von Winfried Scharlau

Zum Nationalfeiertag, Mitte August, präsentiert Singapurs Premierminister Lee Kuan Yew traditionsgemäß die Jahresbilanz. In diesem Jahr berichtete der Premierminister, der Stadtstaat habe eine „mehr als faire“ Wachstumsrate von fünfeinhalb Prozent erzielt. Es gäbe Grund, erleichtert zu sein und sich selbst zu gratulieren.

Die Bevölkerung ist an Erfolgszahlen gewöhnt. Sie ist allerdings auch darauf gefaßt, daß der strenge Zuchtmeister Lee Kuan Yew sogar die Präsentation von zweistelligen Zuwachsraten mit Mahnungen und Warnungen garniert und von der Bevölkerung höhere Leistungen und Arbeitsdisziplin verlangt. Auch in diesem Jahr kam der Premier auf dieses Begehren zu sprechen. Sein Hauptargument war indes so ungewöhnlich, so ins Private und Persönliche zielend, daß Singapur ein „geistiges Erdbeben“ erlebte, wie ein Beobachter es formulierte.

Aus den Daten der Volkszählung von 1980 glaubte der Premier eine alarmierende Erkenntnis ableiten zu müssen. Frauen ohne Schulbildung hätten, statistisch gesehen, 3,5 Kinder, Frauen mit Grundschulbildung 2,7, mit Oberschulabschluß 2 und Frauen mit Universitätsdiplom nur 1,65 Kinder. Dieser Tatbestand gäbe Anlaß zur Sorge, meinte Lee Kuan Yew, weil mehr und mehr Beweise dafür vorlägen, daß die Veranlagung, die von den Eltern vererbt werde, ein weitaus wichtigerer Faktor sei als Erziehung und Bildung.

Ein Professor der Universität Minnesota habe sogar am Beispiel eineiiger Zwillinge nachgewiesen, daß die Veranlagung 80 Prozent des späteren geistigen Talents ausmache, Milieu und Bildung dagegen nur 20 Prozent. Es sei deshalb für Singapur ein erheblicher Verlust, wenn ein großer Teil der akademisch gebildeten Frauen unverheiratet bliebe. Zudem seien die Akademiker-Ehepaare in der nächsten Generation nur mit einem Kind vertreten, während sich die ungelernten Arbeitspaare mehr als drei Kinder leisteten. In 25 Jahren werde man die Folgen spüren.

„Wenn wir uns weiterhin in dieser ungleichen Weise reproduzieren, werden wir nicht imstande sein, unseren gestiegenen Lebensstandard zu halten. Das Niveau unserer Kompetenz wird sinken. Unsere Wirtschaft wird in die Krise geraten, unsere Verwaltung leiden, die Gesellschaft wird niedergehen.“ Mit ein paar Sätzen streifte Lee Kuan Yew auch die Ursachen der Entwicklung. Die erfolgreichen, begabten jungen Frauen genössen ihre Unabhängigkeit. Eine Ehe werde von ihnen nur dann in Erwägung gezogen, wenn der männliche Partner eine ebenbürtige oder sogar höhere Bildung besäße. Die Männer Singapurs seien „chauvinistisch genug“, sich für Partner mit geringerer Bildung zu entscheiden. Früher hätten Heiratsvermittler und die Eltern die Partnerwahl für die junge Generation getroffen. Die heutige Gesellschaft hätte sich für den „westlichen Stil“ der persönlichen Liebe entschieden.

Was immer die Gründe seien, meinte Lee Kuan Yew zusammenfassend, es handele sich um ein „neues Problem“, das gelöst werden müsse. Noch sei es nicht zu spät, die Familienpolitik zu ändern und „unsere Frauen zurückzubringen in ihre vorrangige Rolle als Mutter, Schöpfer und Beschützer der nächsten Generation“. Selten hat eine programmatische Rede Lee Kuan Yews soviel Widerstand und Widerspruch gefunden, und selten hat die Öffentlichkeit ihren Unmut so geradeaus, direkt und schonungslos artikulieren dürfen wie dieses Mal.