/ Von Lothar Baier

Man hat erzählt, daß der Läufer von Marathon schon eine Stunde tot war. als er in Athen eintraf. Er war tot und lief immer noch; er lief ab Toter, tot verkündete er den Sieg Griechenlands. Das ist ein schöner Mythos. Er zeigt, daß die Toten immer noch einige Zeit wirken, ab wären sie am Leben. Einige Zeit, ein Jahr, zehn Jahre, fünfzig Jahre vielleicht, eine endliche Zeit; und dann begräbt man sie zum zweitenmal. Dieses Maß schlagen wir dem Schriftsteller vor: solange seine Bücher Wut, Verlegenheit, Scham, Haß und Liebe hervorrufen, wird er leben, und wenn er nur noch ein Schatten ist! Nach ihm die Sintflut. Wir sind für eine Moral und für eine Kunst des Endlichen."

Jean-Paul Sartre, der das 1946 schrieb, ist jetzt dreieinhalb Jahre tot. Ist er endgültig begraben, oder läuft er noch wie der Bote von Marathon, und wenn ja, was verkündet sein Lauf? Eins läuft mit Sicherheit, das ist der Verkauf seiner Bücher: die Bände der neuen französischen Taschenbuchausgabe von "Der Idiot der Familie" gehen weg wie warme Semmeln, und die aus dem Nachlaß gedruckten Briefe, das Kriegstagebuch "Les carnets de la drôle de guerre" und die Notizen zu einem geplanten Moralbuch "Cahiers pour une morale" sind in Frankreich als literarisches Ereignis gefeiert worden. Das beweist zwar nicht viel, zumal alle Welt die Nase gern in illustre Briefe und Tagebücher steckt; man müßte genauer wissen, was die Welt darin sucht.

Die Töne, die diese Lektüre begleiten, klingen jedenfalls nicht so, als wollten sie du Totenglöckchen nachahmen. War das also keine Grablegung, Sartres Beerdigung im April 1980, sondern ein Übergangsritual, das die Ablösung einer bestimmten Art Leben durch eine andere Art Leben manifestierte?

Fast sieht es so aus. Bei Erscheinen der Moral-Notizen schrieb der Pariser Althistoriker Paul Veyne, der beileibe kein Sartrianer ist, im Nouvel Observateur: "Trotz allem bleibt Sartre lebendig und geliebt... Die Sartre-Welle scheint nicht nachzulassen; er fehlt uns."

Schön wäre es, denn Sartre hätte ein Etappenziel erreicht: dreieinhalb Jahre tot, und noch immer, ab wäre er am Leben. Was ist das für ein Leben? "Er fehlt uns", das sagt nicht nur der Professor Veyne. Ein Mangel also liefert, wie der Herzschrittmacher, die Impulse. Ist es der Schriftsteller Sartre, den man vermißt, hätte man gar zu gerne gewußt, wie es weitergegangen wäre in der unvollendet gebliebenen Flaubert-Analyse. Ist die französische Prosa ärmer geworden ohne das unverwechselbare Stakkato seines Stils? Ja schon, aber es ist weniger der Zustand der Prosa, der die Hinterbliebenen schmerzlich an Sartres Abwesenheit erinnert, sondern ihre eigene Verfassung.

Der Ratgeber Sartre geht ihnen ab, den linken Intellektuellen, sie wissen nicht mehr, wo’s langgehen soll (die anderen wissen es schon, die von rechts: liberal wie Reagan mal Thatcher geteilt durch Carl Schmitt), zwar haben sie schon lange vor Sartres Tod das gute alte Engagement begraben, aber wenn niemand mehr dafür stehen will, ist es auch nicht recht. Dann müßte man ja selber einmal.