Von Kurt Becker

Bundeskanzler Helmut Kohl will sich in Saudi-Arabien Anfang nächster Woche in der Frage des umstrittenen Rüstungsexports die Hände freihalten und sich auf nichts festlegen. Seine diplomatische Zurückhaltung bei diesem brisanten Thema ist begreiflich. Die Saudis haben präzise Vorstellungen über die Sicherheit ihres Landes und die dafür erforderlichen militärischen Mittel, Keine Bundesregierung jedoch kann leichthin darauf eingehen. Hinter der rigorosen Verkürzung auf die Frage, ob die Saudis den Panzer Leo II erhalten sollen, verbirgt sich das bisher unbewältigte Problem: Ist trotz prinzipieller Zurückhaltung beim deutschen Waffenexport außerhalb des westlichen Bündnisses aus wichtigen außenpolitischen Gründen eine Ausnahme sinnvoll und gerechtfertigt? Saudi-Arabien ist für uns von hoher Bedeutung. Aber auch Israel ist in dieser Angelegenheit nicht bloß Zuschauer, und Kohls Reise dorthin steht noch aus.

Die Beziehungen Bonns zu Riad sind viel enger als die zur Mehrheit der Staaten in der Dritten Welt. Sie sind besonderer Art. In den siebziger Jahren ist Saudi-Arabien wie eine Rakete von einem bedeutungslosen Wüstenstaat zu einem Ölgiganten aufgestiegen. Es hat großes politisches Gewicht in der arabischen Welt. Finanzpolitisch ist der Staat längst eine Weltmacht. Er besitzt mit weitem Abstand den größten Devisen-Tresor, obgleich die Zahlungsbilanz sich wegen der sinkenden Ölausfuhr momentan in roten Zahlen bewegt. Schließlich: Saudi-Arabien ist der größte deutsche Handelspartner außerhalb der westlichen Welt und war viele Jahre der größte Öllieferant der Bundesrepublik, ehe es in jüngerer Zeit durch Großbritannien und Libyen von diesem Spitzenplatz verdrängt wurde.

Besonders schätzt die Bundesregierung Saudi-Arabiens moderate Haltung unter den Opec-Staaten. Die verheerende zweite Ölpreis-Erhöhung Ende der siebziger Jahre vermochte auch Saudi-Arabien nicht zu vereiteln, aber immer wieder gelang es den Saudis, den radikalen Preistreibern unter den Ölstaaten Einhalt zu gebieten. Auch stehen sie an der Spitze bei der Rückschleusung der Petro-Dollar in den westlichen Wirtschaftskreislauf: Ihre astronomischen Einnahmen aus den Öllieferungen legen sie weithin wieder in der westlichen Industriewelt an. Riad ist auch der größte ausländische Gläubiger der Bundesrepublik: Es gab Bonn zwischen 1980 und 1982 Kredite von insgesamt 23 Milliarden Mark.

Im gleichen Maße, wie die Bundesregierung in den siebziger Jahren international an politischem Gewicht zunahm, wuchs auch ihr Wunsch, über die partnerschaftlichen Beziehungen in den westlichen Organisationen hinaus das Verhältnis zu bedeutenden Staaten der Dritten Welt auszubauen. Saudi-Arabien ist bei diesen Bemühungen rasch auf den ersten Platz gerückt. Beide Staaten treffen sich in dem Wunsch, außerhalb des Machteinflusses der Weltmächte Manövrierraum zu gewinnen. Dies kam auch dem Bestreben der Saudis entgegen, ihre Aufgeschlossenheit gegenüber dem Westen nicht einseitig auf das Verhältnis zu den Vereinigten Staaten zu kaprizieren; solche Einseitigkeit würde die Reputation und den Einfluß der Saudis in der arabischen Welt nur schwächen.

Saudi-Arabien fühlt sich zwar als Teil der freien Welt, das entspricht dem Bildungsweg und der Lebensauffassung seiner Führungselite, Aber es wendet sich dagegen, die „freie Welt“ mit der „westlichen Welt“ gleichzusetzen. Als blockfreier Staat, der seine Unabhängigkeit gerade gegenüber den Weltmächten wahren will, braucht Saudi-Arabien eine Auffächerung seiner freundschaftlichen Beziehungen zum Westen. Der wirtschaftlichen Großmacht Bundesrepublik fiel dabei eine Priorität zu,

Ihr Gewicht erhielt diese Partnerschaft durch dreierlei.