Von Erich Hackl

Ab Stephan Hermlin vor fünfzehn Jahren von der ZEIT für eine Lyrik-Anthologie um sein Gedicht gebeten wurde, wählte der DDR-Autor das „eines meiner Dichter unter den Zeitgenossen“, des Österreichers Theodor Kramer, aus: „Requiem für einen Faschisten“.

„Mich wundert“, schrieb Hermlin damals, „daß die Epoche, die so sehr auf Bestandsaufnahme und Wiederentdeckungen aus ist, noch immer diesen großen Dichter übersieht, diesen österreichischen Juden, der unter Bauern, Holzfällern, Ziegelbrennern zu Hause war, Anfang der dreißiger Jahre bekannt wurde, zur gleichen Zeit wie der ihm wesensverwandte Norddeutsche Peter Huchel, und vergessen ward, als Hitler nach Österreich kam.“

Als Hitler nach Österreich kam, wartete Kramer bis zum letzten Augenblick, ehe er sich, im Juli 1939, zur Auswanderung nach England entschloß. Der zum 25. Todestag Kramers in Faksimile wiederaufgelegte Lyrikband –

Theodor Kramer: „Verbannt aus Österreich – Neue Gedichte“ (Neudruck der Originalausgabe des Austrian P.E.N., London, 1943); Böhlau-Verlag Wien, 1983 48 S., 14,– DM

enthält die letzten Gedichte, die der Autor in seiner Heimat geschrieben hat, die einzigen Gedichte auch, auf die man in Anthologien der letzten Jahre gelegentlich stoßen konnte: „Wer läutet draußen an der Tür?“ oder „Wien, Fronleichnam 1939“, wo die Kirchenprozession ein Akt ist des ganz, ganz kleinen Widerstands: „Und indessen sie dem Zug nachstarrten,/salzigen Auges, Mannsvolk, Weib und Kind,/schwenkten aus den Fenstern die Standarten/alle das verbogne Kreuz im Wind.“

Auch die anderen Gedichte des schmalen Bandes, in Großbritannien geschrieben, im Internierungslager und in einer Provinzstadt, wo Kramer eine bescheidene Existenz als College-Bibliothekar fand, sind der Heimat gewidmet oder thematisieren das bittere Los des Exilierten in einem Land, in dem Kramer „nicht alt werden“ möchte – und es doch wurde: „Wer kann mich schon wirklich hier leiden/und wird mich zum Strohmandeln hol’n;/ich hab keine Hecke zu schneiden,/ich hab keinen Grund zu rigol’n./Zu schwer ist der Wein und zu teuer,/zu bitter das leidige Bier,/mich fröstelt schon heut hier beim Feuer;/ich möchte nicht alt werden hier.“