Von Winfried Scharlau

Singapur, im Oktober

Eine Ansammlung von Hochhäusern, wie zufällig an der Straße von Manila nach Quezon-City plaziert, macht den Stadtteil Makati aus, in dem die Banken und die großen Firmen ihren Geschäftssitz haben. Seit Wochen schon ist die Ayala Avenue, die das Hochhausviertel durchzieht, der Schauplatz großer Anti-Marcos-Demonstrationen. Weil Gelb zur Farbe der Opposition geworden ist, zerreißen die Angestellten in den Bürotürmen die gelben Seiten der Telephonbücher und lassen die Schnipsel als Konfetti auf die Straße hinuntersegeln. Unten jubeln junge Sympathisanten, die das Papier zu Haufen zusammenkehren und es anzünden. In Makati äußert sich der Zorn eines wichtigen Teiles der philippinischen Geschäftswelt und – stellvertretend für den Rest des Landes – der Angstellten aus der unteren und gehobenen Mittelschicht.

Daß Präsident Marcos seit der Ermordung seines politischen Gegenspielers Benigno Aquino mit einer wachsenden Opposition der Geschäftswelt und dem leidenschaftlichen Protest der privaten, aber auch der öffentlichen Bürokratie rechnen muß, macht das neue Element aus. Den Armen und den Deklassierten in den Slums von Tondo und den schier endlosen Barackensiedlungen am Stadtrand von Manila scheint es an Kraft zu fehlen, gegen das Regime aufzubegehren. Die sozialrevolutionäre Komponente der Anti-Marcos-Bewegung ist vorerst noch eine Quantité négligeable. Der politisch bewußte Teil des Bürgertums, die Studenten und ein wachsendes Segment der philippinischen Elke fordern den Rücktritt von Ferdinand Marcos, um ihre demokratischen Rechte zurückzugewinnen, um Justiz und Presse wieder unabhängig von der Regierung zu machen und sich nicht länger abspeisen zu lassen mit hohler Rhetorik und mit plumpen Lügen.

Bislang ist es der aus vielen Gruppen und rivalisierenden Persönlichkeiten zusammengesetzten Opposition gelungen, nach der Ermordung Aquinos am 21. August die mit elementarer Kraft ausgebrochene Empörung über Marcos und seinen Hof lebendig zu halten und die dadurch erzeugte politische Grundwelle nicht auslaufen zu lassen. Aquino selber hatte in seinem politischen Vermächtnis den gewaltlosen Widerstand empfohlen; aber dafür fehlt es den Philippinen an einer Tradition.

In diesem Teil Südostasiens hat immer die Gewalt der Straße das Bild geprägt, wenn das Volk sich gegen die Herrschaft ernob und das Schicksal in die eigene Hand nahm. Wenn die Strategie der Gewaltlosigkeit diesmal in Manila eine gewisse Chance hat, dann weniger – wie der Oppositionspolitiker Francisco Tadat vermutet – wegen der „spirituellen Kraft“ der Filipinos, sondern wegen der einzigen dauerhaften Leistung von Ferdinand Marcos: Die Bevölkerung mußte in den ersten Monaten des Kriegsrechts sämtliche Waffen abgeben. Marcos hat den damaligen wild west saloon, zu, dem das Land verkommen war, aufgeräumt und zivilisiert durch eine Notstandsmaßnahme, zu der sich auch Aquino entschlossen hätte, wäre er 1972 gewählt worden.

Dies gibt der Opposition heute die Chance, Marcos mit gewaltfreien und demokratischen Methoden zum Rücktritt zu zwingen. Offenkundig allerdings ist die Tatsache, daß radikale Gruppen, die der kommunistischen Partei der Philippinen nahestehen und für den Straßenkampf ausgebildet sind, sich mit beträchtlichem Erfolg bemüht haben, das Regime durch militante Aktionen zu provozieren und den Prozeß der demokratischen Oppostion zu unterlaufen und zu diskreditieren. Die internationalen Medien, die jedweder Aktionsstory Vorrang vor einer friedlichen Massendemonstration geben, haben so den Radikalen und dem Regime Marcos gleichermaßen die Arbeit erleichtert.