Zu allem Ärger haben nun auch die Eltern von der Karzerstrafe erfahren. Was ist nun mit den Reiseplänen des Tagebuchschreibers Eduard Wedekind? Im vergangenen Jahr, erinnert er sich, hatte er eine Visite beim Weimarer Geheimrat Goethe gemacht ...

Montag, 16. August 1824. Wenn ich je einen klacken Geburtstag gefeiert habe, so war es der heutige. Die gefürchteten Briefe von Hause kamen an, einer von Mutter und einer von Vater. Der erstere war sehr heftig, der von Vater aber kalt und kränkend. Karl hatte ihnen die eigentliche Veranlassung unserer Karzerstrafe nicht geschrieben, sie argwöhnten daher, daß wir in eine Verbindung getreten wären. Bei so bewandten Umständen möchten wir in Gottes Namen nach Hause kommen. – Ich schickte die Briefe zu Karl aufs Karzer und ging am Abend selbst zu ihm, nachdem ich mir nicht ohne Mühe die Erlaubnis dazu vom Prorektor verschafft hatte. Karl war anfangs ganz wild gewesen und hatte in der ersten Hitze einen heftigen Brief geschrieben. Wir sprachen jetzt die Sache ruhig ab, und demzufolge schickte ich Karls Brief nach Hause, damit sie sehen möchten, welchen Eindruck ihre Briefe, die ich wieder zurückschickte, auf ihn gemacht hätten. Zugleich legte ich aber einen gemäßigteren bei. Von meinem Geburtstag schrieb ich gar nichts, und den Brief von Mutter berührte ich nur obenhin.

Donnerstag, 19. August 1824, ging ich zu Ehmbsen, um für Karl 2 Louisdor zu pimpen. Karl hatte schon für die Pyrmonter Reise 4 Louisdor von ihm gepimpt, und als ich nun heute wiederkam, machte er ein gewaltig langes Gesicht, das erst wieder kürzer wurde, als ich ihm sagte, daß wir alle Tage Geld erwarten.

Sonnabend, 21. August 1824. Von W. Brockmann bekam ich vor einigen Tagen einen Brief, worin er mir meldet, daß er Michaelis nicht nach Osnabrück kommen könne. Nun habe ich gar keine Lust mehr hinzugehen und hoffe die Harzreise zu machen. –

Vorigen Herbst wanderte ich mit Knille und Ledebur durch Thüringen, von der Wartburg bis Weimar, wo wir am 17. September eintrafen. Am 18. schrieb ich im „Erbprinzen“ ein Gedicht, das ich auf der Wartburg gemacht hatte, in Form eines Briefes, den ich an Goethe abzugeben die Absicht hatte, falls er micht nicht vorlassen würde, kleidete mich fein an, lieh vom Mannleut einen Hut und ging zu Goethen. Er war an den Hof gefahren, werde aber, sagte man mir, in einer Stunde zurückkommen. Es war 11 Uhr; bis 12 Uhr sah ich mich ein wenig im Park um und ging dann wieder zu Goethe. Er war zu Haus. Einen Bedienten, der gerade eine große Torte heraufbrachte, bat ich, mich zu melden. Er fragte mich nach meinem Namen und kam bald mit der Antwort zurück, daß es dem Herrn Geheimrath sehr angenehm sein würde, mich zu sprechen. Als ich kam, machte er eine kurze Verbeugung; ich sagte ihm darauf, was mich zu ihm führe, und gab ihm meine Hochachtung zu erkennen. Er ließ mich ganz ausreden und nahm meine Komplimente an als ein Mann, dem man es ansah, daß er dergleichen längst gewohnt geworden ist. Als ich ausgeredet hatte, machte er wieder eine kurze Verbeugung. Dann fragte er mich: wo? was? wie lange ich studierte und dergleichen mehr. Unser Gespräch war höchst gleichgiltig, er sprach nur um zu sprechen, nicht um zu unterhalten. Nur eines fiel mir auf. Als er hörte, daß ich nach Berlin, ginge, um dort zu studieren, sagte er: „Nun da können Sie, wenn es mit Maaße geschieht, manches Vergnügen nebenher genießen.“ Es fiel mir auf, daß gerade dieser Mann, dessen Leben doch nur Eine ununterbrochene Kette von Freuden ist, mir gewissermaßen Mäßigkeit anempfahl. Als ich im Laufe unseres Gesprächs fallen ließ, daß der Professor Schelver in Heidelberg mein Onkel sei, sagte er, daß das ein Mann sei, der sich um die Naturwissenschaften mannigfache Verdienste erworben habe, und bat mich ihm zu sagen, daß er seiner noch immer gedächte.

Goethes Sprache ist tief und eintönig; er sprach ohngefähr so, wie schlechte Deklamateure auswendig gelernte Stellen hersagen. Seine Physiognomie ist eine dir genialsten, die ich je gesehen habe, sein Haar ist schon grau, sein Auge aber noch sehr hell, seine Gesichtsfarbe gesund und seine Haltung ungebückt und würdevoll.

Einen Stuhl bot er mir nicht an.