Von Dr. med. Hans Harald Bräutigam

Die Veröffentlichung von Tagebüchern, besonders jener, die aus der Umgebung Hitlers stammen, ist seit kurzem, wie wir erfahren haben, nicht mehr ungefährlich. Deshalb müssen wir aber noch nicht gleich den Mut von

David Irving: „Die geheimen Tagebücher des Dr. Morell, Leibarzt des Führers“, Wilhelm Goldmann Verlag, München, 1983, 381 S., DM 19,80,

bewundern, der die Tagebücher Dr. Theodor Morells, die angeblich geheimen, herausgebracht hat. Zu bewundern ist allenfalls die detektivische Findigkeit, mit der der britische Historiker, die Tagebücher aufgestöbert hat. Eigentlich sind es gar keine Tagebücher, sondern handschriftliche ärztliche Aufzeichnungen, die Irving kommentiert und mit Randbemerkungen zur Geschichte des Hitlerkrieges versehen hat. In einer wissenschaftlichen Bibliothek, fernab von Washington, hat er in einem Schuhkarton die Karteikarten des Dr. med. Theodor Morell gefunden, der als Leibarzt Hitlers Befunde und Behandlungsmaßnahmen, die er bei seinem hochgestellten Patienten durchführte, aufzeichnete. Sind sie echt, die „geheimen Tagebücher“ des Doktor Morell? Vielleicht eine müßige Frage, denn die in den Aufzeichnungen enthaltenen Informationen sind so aufregend nicht. Die Mühen einer Fälschung lohnen sie wohl kaum. Aber interessant sind sie schon.

David Irving gibt mit seiner Beschreibung der Person Theodor Morells unserer Phantasie nicht viel Möglichkeit, sich den Leibarzt Hitlers, der auch Arzt des preußischen Kronprinzen, Max Schmelings und Richard Taubers war, anders als einen dicken, behaarten, Alkohol und Nikotin zutiefst verabscheuenden Spießer aus dem Hessischen vorzustellen. Die ärztliche Weiterbildung nach dem medizinischen Staatsexamen ist sehr kurz: Ein knappes Jahr in einem Kreiskrankenhaus, gelegentliche Tätigkeit als Schiffsarzt auf einem „Musikdampfer“ und dann rasch die Niederlassung als praktischer Arzt in Hessen. Am Ersten Weltkrieg nimmt Dr. Morell als Truppenarzt teil. Später heiratet er eine wohlhabende Frau. Dies ermöglicht ihm nach Kriegsende die Eröffnung einer luxuriösen Praxis auf dem Berliner Kurfürstendamm.

Da unser Dr. Morell meint, zu jüdisch auszusehen, tritt er 1933 in die NSDAP ein. Seine Karriere als gesuchter Modearzt mag er nicht gefährden. Als praktischer Arzt spezialisiert er sich auf die Behandlung von Geschlechtskrankheiten. Da es damals noch kein Penicillin gibt, verspricht die Behandlung solcher Krankheiten raschen Umsatz und diskrete Beliebtheit. So dauert es auch nicht lange, bis ein enger Freund Hitlers, der Leibphotograph Heinrich Hoffmann, sich ihm zu der damals langwierigen Behandlung eines Trippers anvertraut. Hoffmann gesundet von seiner Geschlechtskrankheit, und durch ihn lernt Hitler den umtriebigen Dr. med. Morell kennen und bald schätzen. Zu seinem Leibarzt macht er ihn 1936. Hitler ist damals erst siebenundvierzig Jahre alt, leidet unter häufig auftretenden schmerzhaften Magenkrämpfen und an einem sehr lästigen Ekzem beider Beine. Sie waren mit dicken Verbänden umwickelt, weswegen der Führer keine Stiefel anziehen konnte. Da Goebbels und andere den Führer ohne Stiefel nicht sehen mochten und er selbst erst kürzlich von Dr. Morell von einem ähnlichen Ekzem geheilt wurde, wurde Dr. Morell nochmals konsultiert. Er versprach dem Führer Heilung von dieser Malaise, die man heute als psychosomatische Erkrankung bezeichnen würde und der sich heute viele Psychotherapeuten annehmen würden. Nach Aufregungen stellten sich bei Hitler immer Magenkrämpfe oder gewaltige Blähungen ein. Binnen Jahresfrist ist Dr. Morell erfolgreich und erhält neben der Ernennung zum Leibarzt auch ein Honorar, das man als fürstlich bezeichnen müßte, wenn es nicht vom Führer gekommen wäre.

Das therapeutische Rüstzeug dieses famosen Medicus war einfach: Traubenzucker-Spritzen in die Vene – im Lauf der Jahre müssen es Hektoliter dieser zuckrigen Lösung gewesen sein, die in das Gefäßsystem des Führers gespritzt wurden Multivitamin-Präparate und aus dem Darm gezüchtete Coli-Bakterien werden geschluckt. Wie diese wirken, wußte man damals wie heute nicht. Schädlich sind sie jedenfalls nicht, günstig waren sie für die Hersteller. Der Verbrauch an Vitamin-Präparaten und Coli-Bakterien wird so groß, daß Dr. Morell eigene kleine pharmazeutische Fabriken gründet, kleine Waschküchenbetriebe gewiß, aber sie bringen ihm zusätzliche Einnahmen.