Vor gut zwei Jahren schrieb Giuseppe Sinopoli, der brillante junge venezianische Komponist, Dirigent und – auf Psychiatrie spezialisierte Arzt im Auftrag des Münchner Nationaltheaters eine Oper „Lou Salome“. Deren Titelfigur war eine außergewöhnliche Frau, eine Schülerin und Verehrerin Sigmund Freuds, normalerweise bekannt als Lou Andreas-Salome. Jetzt hat Richard Zvonar, ein junger kalifornischer Komponist, sich des „Falles Schreber“ angenommen, durch den einmal Freud weltbekannt geworden war, ab er seine „Psychoanalytische Bemerkung über einen autobiographisch beschriebenen Fall von Paranoia (Dementia paranoides)“ veröffentlichte. Zvonar goß diese Geschichte, die jetzt Soul Murder“ heißt, um in eine, wie er es nennt, „vielschichtige Bilder-Collage aus Psychiatrie, Kybernetik, Bewegungslehre, Informationstheorie, Orthopädie und Typographie, in einen Sinnzusammenhang gebracht durch jene verzaubernden Ketten und Klammern, die nur in den Köpfen von Schizophrenen sowie von Künstlern ihre Wirkung tun.“ Die verwegene experimentierfreudige Berkeley-Bühne, von der anderen Seite der Bucht von San Francisco, brachte das Werk soeben im Rahmen seines „Theater-Festivals für Neue Musik“ heraus in einer Produktion von erstaunlicher Phantasie.

Richard Zvonar über seine Arbeit: „Zentrales Thema von ‚Soul Murder‘ sind die Angriffe auf die menschliche Individualität durch autoritäre Systeme, wie sie sich etwa manifestieren im Image eines Autors und ausgeführt werden durch die Technik des gedruckten Wortes. In Schrebers Vorstellung von der Ordnung der Welt wohnt die menschliche Seele in den Nerven seines Körpers. Gott, die oberste und letzte Autorität, kann mit den menschlichen Wesen direkt in Kontakt treten durch die „Nervensprache“, die mit Hilfe von Strahlen weitergegeben wird. Dieser zwingende und belastende Nerven-Kontakt bildet die Basis der „gemordeten Seele‘, wie Schreber die Ursache seiner Nervenkrankheit nennt. Diese Idee könnte verstanden werden als die Verwandlung der realen Ereignisse in Schrebers Leben, die physischen und verbalen Manipulationen durch seinen Vater Dr. Daniel Gottlob Moritz Schreber, einen namhaften Orthopäden, der, zufällig, sich unsterblich machte in Deutschland, indem er den Schrebergarten erfand.“

Dem neuen Stück von Richard Zvonar liegt nicht nur Freuds berühmte Schrift zugrunde, sondern auch Daniel Paul Schrebers eigenes Buch „Die Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken“ (1903) und Dr. Morton Schatzamts „Die Angst vor dem Vater“ (Rowohlt, 1974). Offenbar ist Richard Zvonar von der Psychoanalyse fasziniert.

Richard Zvonar, der am Massachusetts Institut of Technology neben Altphilosophie und klassischer Literatur Maschinenbau studierte und daneben in Kompositionslehre promovierte, nahm selber die Produktion in Berkeley in die Hand, bei der zwölf Diaprojektoren, drei große bewegliche Projektionswände, sechs „Movers“ oder Pantomimen sowie ein vorgefertigtes Tonband mit elektronischen Klängen und ausgewählten Stellen aus Schrebers Buch beteiligt waren. Richard Zvonar, ein phantasievoller Komponist mit originellen Neigungen und beachtlicher Intelligenz, der offenbar nicht nur zu komponieren sondern auch nachzudenken vermag, verdient, von uns weiter beobachtet zu werden.

Paul Moor