Erst raffte sich der Professor zu markigen Worten auf, dann steckte er zurück. „Die Entwicklung in den ersten fünf Monaten bestärkt uns“, so Carl Heinrich Krauch, Vorstandsvorsitzender der Chemische Werke Hüls AG (CWH), „daß das im Vergleich zum Vorjahr relativ hoch gesteckte Ergebnisziel für 1983 erreicht wird.“ Befragt, wie denn dieses ehrgeizige Ergebnisziel aussehe, sagte Krauch etwas von einer „vernünftigen Dividende“, schränkte aber gleich ein: „Ob wir das für 1983 fertigbringen, kann ich im Moment nur hoffen.“

Daß sich diese Hoffnung erfüllt, wünscht sich niemand sehnlicher als der Veba-Vorstandsvorsitzende Rudolf von Bennigsen. Denn er ist verantwortlich dafür, daß die Veba bei CWH vom Minderheitsaktionär zum Alleinherrscher mit 97 Prozent des Kapitals von 480 Millionen Mark aufgestiegen ist. Reüssiert Hüls nicht, dann muß er sich den Vorwurf gefallen lassen, viel Geld in eine schlechte Sache gesteckt zu haben.

An Hüls beteiligt ist der Veba-Konzern schon seit der Gründung des Unternehmens im Jahre 1938. Damals taten sich die I. G. Farbenindustrie und die Veba-Tochter Bergwerksgesellschaft Hibernia zusammen, um im westfälischen Marl am Nordrand des Ruhrgebiets einen Chemiebetrieb zu errichten, der auf der Basis von Kohle den Kunstkautschuk Buna erzeugen sollte. Hibernia war mit 26 Prozent des Kapitals von 30 Millionen Reichsmark Juniorpartner der I.G. Farben.

Bei der Neuordnung nach dem Kriege poolten die Nachfolge-Gesellschaften der I.G. Farben ihre Beteiligung von zusammen 50 Prozent in der Chemie-Verwaltungs-AG, 25 Prozent blieben bei der Hibernia und eine weitere Schachtel – die später über die Hibernia an Bayer ging – landete bei der Kohleverwertungsgesellschaft mbH in Essen. Die Veba kaufte sich bei der Chemie-Verwaltung ein, Bayer erhöhte seinen Anteil – beide besaßen gemeinsam 75 Prozent.

Zusammen mit ihren direkten Schachtelbeteiii-/gungen hielten die beiden Großunternehmen von 1970 an je etwa 44 Prozent des Hüls-Kapitals und paralysierten sich. In einer Art von Selbstzensur wagten die Hüls-Manager nicht, dem Großaktion när Bayer bei seinen Geschäften in die Quere zu kommen. So verharrte das Unternehmen zu lange in dem Zustand, den Krauch heute die „zweite Strukturstufe“ nennt – die erste war die Buna-Erzeugung – und als einen „breiteren Fächer organischer Zwischenprodukte und Kunststoffe“ umschreibt.

Zu Beginn war diese Struktur durchaus erfolgreich, denn, so Krauch, „damals entwickelte und investierte man für einen hungrigen Markt, der fast alles gebrauchen konnte“. Aber nach und nach gingen die Abnehmer von Hüls dazu über, diese Vorprodukte in eigener Regie zu produzieren. Hüls wurde zum Lückenbüßer, der das Auf und Ab der Chemie-Konjunktur deutlich zu spüren bekam.

Veba-Chef von Bennigsen und der damalige Bayer-Vorstandsvorsitzende Kurt Hansen verständigten sich schließlich darauf, daß einer von ihnen die industrielle Führung des Unternehmens übernehmen müsse. Der chemische Sachverstand war sicherlich bei Bayer größer, aber die Veba sorgte sich um den Absatz ihrer Raffinerien, die Hüls mit petrochemischen Grundstoffen beliefert.