ARD, Sonntag, 9. Oktober: „In der Sackgasse“, Film von Rolf Busch nach dem Roman von Wikentij Weressajew

Das ist faszinierend miteinander verschmolzen: die Schilderung weit ausladender historischer Vorgänge, des Bürgerkriegs auf der Krim im Jahre 1919, mit den literarisch-filmisch entwickelten Porträts einiger Russen. Zwei Menschen, Vater und Tochter, lassen sich selbst in turbulentester Zeit durch keinerlei Pressionen irritieren, lassen sich nicht zu moralischen Provisorien verleiten. Sie bleiben standfest, und sei es bis zum Untergang.

Der Vater, der Arzt Iwan Sartanow, könnte den Hippokrates-Eid, wenn er nicht zur Tradition gehörte, erfunden haben: Humanität und Hilfsbereitschaft um jeden Preis, ohne das Pathos der Edelmütigkeit. Er verschließt sein kleines Haus weder den Revolutionären noch den Weißen, deren Oberbefehlshaber Denikin ist. Dabei ist er kein Kunktator. Er ist drastisch bis zur Störrigkeit, wenn er sagt, was er denkt. Nur ja keine Anpassung. Er setzt sich immer wieder zwischen zwei Stühle, ohne den Märtyrer prahlerisch hervorzukehren. Er ist gegen die Todesstrafe. Das hat ihm, unter Zar Nikolaus II., Kerker eingebracht, jetzt, unter den Bolschewiki, das Todesurteil. Der Vollstreckung des Urteils entgeht er im Tohuwabohu der Kämpfe, wo ein Menschenleben keinen Pfifferling wert ist, mit knapper Not.

Unablässig wird jemand abgeknallt, bei Roten wie Weißen, einzelne, Grüppchen, ganze Scharen. Motivationen? Sehr verschiedenartig: politischer Fanatismus, Rache, Mißverständnis, bestialische Triebhaftigkeit, Kadavergehorsam, Selbstverteidigung. Mit Gewissen, Ethik, Religion hat das natürlich nichts zu tun. Wie Kriege nun einmal sind.

Katja, anders als ihr Vater, ist Kommunistin. Aber sie wird, da sie scharfe Kritik auch an Gesinnungsgenossen übt, mißverstanden und eingesperrt. Sie legt los gegen Bürokratismus und „Herrschaft des Pöbels“. Sie sagt ihren Kommissaren: Ich habe in zaristischen Gefängnissen gesessen. Niemals habe ich eine so viehische Behandlung der Verhafteten angetroffen wie hier bei euch. Dabei will sie ganz gewiß eines nicht: Wiederkehr des Zarismus.

Rolf Busch hat das Drehbuch und den Film (schwarzweiß) nach einem Vorbild erarbeitet, das bei uns fast unbekannt, dennoch ganz vortrefflich ist, nach Wikentij Weressajews 1920 bis 1923 geschriebenem Roman „In der Sackgasse“ (einem Vorläufer von Bulgakows „Weißer Garde“). Natürlich unter Aufopferung zahlloser Dialoge, Sentenzen, Philosopheme. Aber ohne die entstellende Geistlosigkeit, wie wir sie von zahllosen Verfilmungen von Werken der Weltliteratur kennen, von (um nur ein extremes Beispiel zu nennen) King Vidors Verfilmung des Tolstoj-Romans „Krieg und Frieden“.

Rollenbesetzung und Darstellung der „Sackgasse“ gleich überzeugend. Heinz Baumann ist ein in Aussehen, Habitus, Sprache vortrefflicher Arzt. Die einzige „Sünde“: Katja. Schauspielerisch lieblich, dramaturgisch fast verfehlt. Der Auftakt: Katja, viel zu hübsch, sitzt auf einem Fels und blickt träumerisch aufs Schwarze Meer wie Heines Lorelei auf den Rhein. Das ist (Leslie Malton ist da unschuldig) nicht Weressajews Katja. Noch weniger ist sie’s, wenn sie sich im Knast adrett wie eine Modedame hält. Überakzentuiert ist Katjas Schwester Wera (Sabine Postel), wenn sie die Politik über dem Familienglück plaziert. Allerdings kann Busch sich auf die Revolutionärin Rachel (in Gorkijs „Wassa Schelesnowa“) berufen, die fanatisch ist wie Wera.

Film ist auch die Kunst rhythmisch bewegter Bilder: Es gibt da reizvoll „nichtssagende“ Passagen, hügelige Wege, die die Verlorenheit eines Wanderers unterstreichen, die Kamera beharrt einmal sekundenlang am Strande, kein Mensch, kein Vorgang. Wie richtig. Bild und Schnitt (Gerd Thieme, Inge Bohmann) werden mitschöpferisch. René Drommert