Von Dominique Moisi

Auch 25 Jahre nach ihrer Gründung kann es keinen Zweifel daran geben, daß die Zukunft der Europäischen Gemeinschaft steht und fällt mit der Zusammenarbeit zwischen Frankreich und der Bundesrepublik.

Das Verhältnis zwischen Bonn und Paris ist dennoch immer noch nicht mehr als eine Vernunftehe, die ihre Festigkeit dem Übergewicht rationaler Erwägungen über nationale Gefühle verdankt. Vielleicht war das für die Bundesrepublik, gerade in den Jahren der Europa-Begeisterung, einmal anders: damals wenigstens schwangen Kopf und Herz auf derselben Wellenlänge. Aber für Frankreich und die Franzosen galt und gilt dies kaum: Hier trifft geschichtliche Erinnerung zusammen mit einem gerade in der jüngsten Zeit sichtbaren Unbehagen, das auch die Vernunftehe selbst in Zweifel stellen könnte.

Schon seit Madame de Stael 1810 ein mystisches Deutschland als Instrument gegen Napoleons Politik erfand, ist das Deutschland-Bild der Franzosen von Verzerrungen und Unklarheiten bestimmt. Während im 19. Jahrhundert die französische Diplomatie dem Machtzuwachs Preußens zu wehren suchte, blieb für die französischen Intellektuellen Deutschland das Idyll der Philosophie, Musiker und Romantiker. Im Unterschied zum traditionellen Gegner England, der nur eine Minderheit liberaler Denker und eine Mehrheit der Snobs anzog, galt Deutschland die Faszination großer Teile der französischen Elite, vom Künstler bis zum Ingenieur. Die bittere Niederlage von 1871 verstärkte dieses Interesse nur. Das Land von Kant, Goethe und Beethoven hatte offenbar nicht nur Schöngeister, sondern auch Krieger und Sozialisten hervorgebracht; Deutschland wurde so zu einem Modell oder Gegenmodell für machtpolitische Erneuerung wie für gesellschaftliche Reformen.

Nach den beiden Weltkriegen, vor allem nach Hitlers verbrecherischer Politik, war es damit vorbei. Mißtrauen, auch Haß, bestimmten die Empfindungen des Franzosen. 1954 noch scheiterte daran die Europäische Verteidigungsgemeinschaft; die Furcht vor Deutschland blockierte einen Vertrag, der eine integrierte europäische Armee vorsah. Haß nährt sich nun einmal vom Vertrauten. Damals war für Frankreich die Sowjetunion noch eine Abstraktion, der Zweite Weltkrieg noch zu nah und Stalins Verbrechen zu unbekannt, um den Feind von gestern als vollen Verbündeten zu akzeptieren..

Das hat sich seither grundsätzlich geändert. Aber für viele Franzosen ist die „deutsche Frage“ dennoch nicht abgeschlossen. Die Bundesrepublik ist für sie eine potentielle Belastung für die Stabilität in Europa, einmal wegen ihrer überragenden Wirtschaftskraft, zum anderen wegen der politischen Schwäche des geteilten Landes.

Der wirtschaftliche Vergleich mit der Bundesrepublik gibt einer alten französischen Frage neuen Auftrieb, die schon gegenüber dem Preußen des 19. Jahrhundert gestellt wurde: warum ist das deutsche Wirtschaftsmodell dem französischen so offenbar überlegen? Wie kann ein Land – das keine Weltrolle spielen will, weder Mitglied des UN-Sicherheitsrates noch Nuklearmacht ist, keine kolonialen Verpflichtungen hat und zudem geteilt ist – wirtschaftlich so erfolgreich sein? Ein Modell ist die Bundesrepublik nicht mehr für Frankreich; diese Rolle hat Japan übernommen. Statt dessen ist das Unbehagen in den Vordergrund getreten, und es wächst in dem Maße, wie die wirtschaftliche Schwäche Frankreichs gegenüber dem östlichen Nachbarn zunimmt. Ist die Bundesrepublik, so fragte im Mai ein Artikel in Le Monde, nicht vielleicht ein Nachbar, der für die wirtschaftliche Partnerschaft zu mächtig geworden sei?