Um den Frieden in Nahost

Von Helmut Schmidt

Wenn Bundeskanzler Kohl jetzt seinen ersten Besuch bei Ägyptens Staatspräsident Mubarak macht, so findet er einen Mann vor, eine Regierung und vor allem ein ganzes Volk, die alle von Freundschaft für uns Deutsche geprägt sind. Sie werden diese Freundschaft auch zum Ausdruck bringen; dabei wird sich vorteilhaft auswirken, daß Kohls Besuche in den arabischen Staaten – wegen des Datums von Begins Rücktritt – seinem Besuch in Israel vorangehen.

Die Freundschaft zwischen Ägyptern und Deutschen hat mehrere Gründe. Die auf Festigkeit und zugleich auf Kompromiß gerichtete Außenpolitik Bonns seit 1969 hatte in den siebziger Jahren (und hat immer noch) den Charakter eines Modells für die 1977 von Anwar el-Sadat neu konzipierte Politik gegenüber Israel – nach drei auch für Ägypten sehr belastenden Sinai-Kriegen in weniger als zwei Jahrzehnten. Die besondere Bewunderung kam hinzu, die Sadat gerade durch uns Deutsche erfuhr, als er seine große Friedensinitiative durch seinen Besuch in Jerusalem – der Hauptstadt des Kriegsgegners – einleitete. Vor allem aber spielt die enge politische und wirtschaftliche Beziehung eine fruchtbare Rolle, die Sadat und ich sehr bewußt gefördert haben. Persönliche Beziehungen und persönliche Vertrauensverhältnisse haben im Nahen und Mittleren Osten ein noch größeres außenpolitisches Gewicht als anderswo in der Welt. Weil Sadat zu seiner Regierungszeit Hosni Mubarak eine wesentliche politische Rolle zugestanden und dieser mehrere Male schon als Vizepräsident in Deutschland gewesen war, hat sich die Freundschaft fast von selbst auch auf ihn übertragen.

Sadat hatte zuerst während seines zweiten Besuches in Bonn im April 1977 sehr persönlich mit mir seine Kompromißbereitschaft erörtert. Im Laufe der nächsten sechs Monate und entsprechend seinem damals gewonnenen Urteil über Menachem Begin als einem starken und mutigen Mann reiste er im November zu Begin; anderthalb Jahre später kam der Friedensvertrag mit Israel zustande; 1982 – Sadat war schon ermordet – konnte sein Nachfolger Mubarak endlich das letzte Drittel der Sinai-Halbinsel wieder in Besitz nehmen. Sadat hat für Camp David mit seinem Leben gezahlt; sein Land hat dafür mit außenpolitischer Isolierung gebüßt – siebzehn der zwanzig arabischen Staaten brachen ihre diplomatischen Beziehungen ab, und Ägyptens Mitgliedschaft in der Arabischen Liga wurde suspendiert.

Heute ist Mubarak pragmatisch daran, Ägyptens arabische Beziehungen schrittweise wieder zu normalisieren. Wer König Fahd in Riad und König Hussein in Amman besucht, kann und sollte dazu beitragen. Wer dagegen glaubt, durch Aufspaltung der arabischen Staaten in verschiedene Lager könne der Sache des Friedens mit Israel oder dem Frieden im Libanon gedient werden, der irrt sich.

Mubarak wird den Frieden mit Israel aus vielen Gründen nicht aufs Spiel setzen. Unter ihnen haben die Wiedereröffnung des Suezkanals (Deviseneinnahmen jährlich rund eine dreiviertel Milliarde Dollar) und die Rückgewinnung der Öl-Quellen auf dem Sinai (Exporte statt vorher Öl-Import!) durchaus ihre Bedeutung. Er sieht inzwischen jedoch, daß die Autonomie-Verhandlungen über Gaza und das Westufer des Jordans nicht vorankommen können, solange nicht gleichzeitig über den Golan verhandelt wird, den Israel inzwischen förmlich annektiert hat, und solange infolgedessen die Lage im Libanon nicht prinzipiell erleichtert werden kann. Die Motive des syrischen Staatschefs Assad erscheinen ihm deutlich, auch die der dahinter stehenden Weltmacht Sowjetunion, Man sieht in Kairo aber auch, daß und aus welchen eigenen Motiven andere arabische Staaten Syrien stützen.

Wer einen dauernden Frieden für den ganzen Mittleren Osten erhofft, von Khartum und Alexandria bis hin nach Bagdad, zum Golf, nach Riad und den beiden Jemen, der möge die Geschichte dieses Raumes nachlesen. Ob seit der Zerschlagung des ottomanischen Reiches, ob nur seit der Begründung des saudischen Königreiches oder dem Sturz König Faruks 1952: Zu keiner Zeit hat im mittelöstlichen Raum jemals allseitiger Friede geherrscht. Wer Peter Scholl-Latours ausgezeichnetes Buch "Allah ist mit den Standhaften" auch nur überflogen hat, der wird verstehen: Es gibt in der arabisch-afrikanischen Mittelost-Region einfach zu viele tiefverwurzelte Konfliktursachen. Gegenwärtig herrscht Krieg in Afghanistan, Krieg zwischen Iran und Irak, dauernder Kampf mit den Kurden, die auf drei Staaten aufgeteilt sind, Krieg zwischen Äthiopien und Somalia um den Ogaden, Bürgerkrieg nebst vielfältiger ausländischer Einmischung zwischen Sunniten, Schiiten, Drusen und Christen im Libanon. Dazu der Konflikt fast aller arabischen Staaten und der PLO mit Israel, außerdem Libyens ständige Konflikt-Bereitschaft.

Um den Frieden in Nahost

Selbst wenn die Vereinigten Staaten ihre Schiffe von der libanesischen Küste abziehen und die Sowjetunion ihre Streitkräfte aus Afghanistan, Äthiopien und Aden zurückholt, wäre zwar einiges gewonnen – nicht aber schon ein dauerhafter Friede in der Region. Sadat hat – überaus mutig – 1972 rund 17 000 Mann Sowjet-Truppen aus Ägypten hinausgesetzt; dafür tauchten sie dann anderswo in der Region wieder auf.

Als ich vor wenigen Tagen das Katharina-Kloster auf dem Sinai besuchte, geschah dies in tiefempfundener Erinnerung an Anwar el-Sadat. Wir haben uns allein zwischen März 1976 und März 1979 fünfmal getroffen, nachdem er und Bundeskanzler Willy Brandt schon 1972 die diplomatischen Beziehungen zwischen Kairo und Bonn wiederhergestellt und wir in den anschließenden Jahren Ägypten zum zweitwichtigsten Empfänger deutscher Entwicklungshilfe gemacht hatten (an erster Stelle steht das fast zwanzig Mal so volkreiche Indien). Wir sind in kurzer Zeit enge Freunde geworden. Zwar habe ich manche Unzulänglichkeiten in der ägyptischen Innen- und Wirtschaftspolitik gesehen; aber der Friedenswille Sadats hat mich zutiefst berührt – und mein Herz gewonnen.

Sadat war ein Visionär. Er wußte: Ein allgemeiner Friede war nicht zu erreichen. Er kannte die Risiken eines separaten Friedens mit Israel – auch für ihn persönlich. Wir haben lange darüber gesprochen. "Einer muß den Anfang machen" – so hat er gedacht. Und war dabei kein bodenloser Romantiker, vielmehr hat er sich sehr bewußt um den Ausbau der ägyptischen Streitkräfte gekümmert, denen er selber entstammte. Er war ein tief gläubiger Mensch, er meditierte über die Politik, aber noch mehr über die Religion.

Eine Fahrt auf dem Nil, von Luxor nach Assuan, werde ich mein Leben nicht vergessen. Wir saßen an Deck unter einem unglaublich klaren Nachthimmel. Sadat erzählte von Jerusalem, von Begin und Dajan, von Golda Meir. Vor allem aber redeten wir darüber, wie zum Friedenstiften der Wille zum Kompromiß gehört und ebenso das Verständnis für die Motive des anderen.

Sadats Friedenswille gründete in seinem Verständnis für die Religionen der anderen. Von ihm habe ich gelernt, Lessings Ringparabel aus dem Munde Nathans des Weisen voll zu begreifen, Sadat sagte: "Ihr Christen, aber auch die Juden, aber auch die meisten von uns Muslims – ihr seht alle nicht, daß alle drei großen monotheistischen Religionen aus der gleichen Wurzel stammen. Alle drei haben durch Moses’ Hand die Gesetze Gottes auf dem Berge Sinai empfangen." Nicht nur Abraham, auch Adam und alle Propheten des Alten Testaments seien für Juden und Christen und Muslims die gleichen. Thora, Psalter und Evangelien, jüdisches, klassisches und christliches Weisheitsgut seien in den Koran eingeflossen. Alle drei "schriftbesitzenden" Religionen glaubten letztlich an denselben Gott. "Und es soll nicht möglich sein, daß gerade diese drei Religionen in Frieden miteinander leben?"

Für mich war vieles daran neu; bei anderem fiel es mir wie die sprichwörtlichen Schuppen von den Augen. Ich sprach von der Symbiose in Cordoba vor der Reconquista und von Cordobas wissenschaftlichen Fruchtbarkeit; dies nahm Sadat gerne auf. Aber sein visionäres Ziel war der auf dem Berge Sinai zu schließende Frieden zwischen den drei Religionen. Natürlich dachte er dabei insgeheim auch an eine persönliche Rolle. Er war öfter am "Mosesberg" gewesen, er hatte dort einen eigenen kleinen Platz zum Nachdenken. Dort sprach er auch mit den fünfzehn Mönchen und dem Erzbischof Damian über sein Thema, wie dieser mir vor wenigen Tagen berichtete.

Der Sinai hat seit den Tagen des Moses nicht nur die Ägypter gesehen, die ihn schon seit fünftausend Jahren besitzen, er hat Juden, Hyksos, Hethiter, Perser, Römer, Araber, Türken und viele andere erlebt. Das Kloster besitzt Freibriefe vom Propheten Mohammed wie von Napoleon. Alle haben den heiligen Ort respektiert, an dem Moses das Zeichen des brennenden Dornbusches erblickte. "So glaube jeder sicher seinen Ring den echten", läßt Lessing seinen Nathan sagen, und fährt fort: "Gewiß, daß der Vater euch alle drei geliebt", komme euer Streben "mit herzlicher Verträglichkeit..., mit innigster Ergebenheit in Gott."

Sadat hat Lessing nicht gekannt. Aber Lessings Mahnung hätte er nicht bedurft. Er hat den Krieg erlebt und er hat den Frieden gewollt. Seine Nachfahren – aber auch alle anderen! – haben ein verantwortungsbeladenes Erbe erhalten. Und wir Deutschen sind daran beteiligt – es geht im Nahen Osten auch um unseren Frieden. Deshalb sollten wir, die wir wie Sadat bereit sind, uns selber zu verteidigen, gleichwohl keine Waffen in den Mittleren Osten geben, weder an israelische noch arabische Empfänger. Wir brauchen Freundschaft mit beiden, mit Juden und mit Muslims.