Von Joachim Knut

Der Uralt-Daimler, dessen ledergekleideter Fahrer eine gute Richthofen-Parodie liefert, ist Baujahr 1902. Er kommt trotzdem flott voran, schneller jedenfalls als wir Stausteher hier auf der Landstraße nach Brighton. Aber wir sitzen wenigstens trocken und warm und sind nicht nur der Windschutz für die hintere Sitzreihe.

Wenn die rollende Antiquität an der Küste angekommen ist, werden die Insassen für die Attraktionen des Seebades kaum Sinn haben – sie haben ihr Bad schon unterwegs gehabt. Außerdem ist man ja nicht zur Erholung auf der Straße, sondern weil die Tradition verpflichtet: Der erste Novembersonntag gehört in England den Oldtimern.

An diesem Tag nämlich ruft der Königliche Automobilclub RAC in jedem Jahr zum „Brighton Run“ auf (der bürgerliche Schwesterclub AA betreut eine ähnliche Veranstaltung mit historischen Lastwagen), einer feierlichen Wiederholung der ersten sogenannten „Emanzipationsfahrt“ vom 14. November 1896. Damals hob das britische Parlament den „Locomotives and Highways Act“ auf, der den frühen Automobilisten einen flaggenwinkenden Vorausläufer beschert hatte. Zweifelsohne eine unerhört fortschrittliche Tat des Gesetzgebers, die nach gebührendem Ritual verlangte.

Die Londoner Society ließ den Ruf zu den Lenkrädern nicht ungehört verhallen. Man organisierte eine automobilistische Expedition an die Südküste nach Brighton – eine Strecke von immerhin 53 Meilen –, der sich 39 Fahrzeuge anschlossen. Mit sicherem Gefühl für die Symbolik der Stunde verbrannte der Earl of Winchilsea eine rote Flagge, und man machte sich auf den Weg. 14 Teilnehmer erreichten auch wirklich das Ziel, doch kreiste das Gerücht, wenigstens ein Fahrer habe für sich und sein Fahrzeug den sichereren Bahnweg gewählt: Der zur Täuschung notwendige Straßendreck wurde unweit der Ziellinie sorgfältig von Hand aufgetragen. Kaum gentlemanlike, aber vielleicht war eine Wette im Spiel.

Solchen Betrug unter Sportsfreunden gibt es heute nicht mehr. Schließlich handelt es sich beim „Brigthon Run“ auch nicht um ein Wettrennen, sondern um eine wohlgeregelte Ausfahrt für die betagten Veteranen. Die Höchstgeschwindigkeit von 20 Meilen darf nicht überschritten werden, und jeder, der bis 16 Uhr in Brigthon ankommt, erhält die begehrte Teilnehmerplakette.

Zugelassen zum „Brighton Run“ werden aber nur wirklich alte Automobile, die alle vor 1905 gebaut sein müssen. 1982 wurde wieder einmal ein neuer Rekord mit 353 Anmeldungen verbucht, viele davon aus dem Ausland, natürlich auch aus Deutschland. Das älteste Fahrzeug war ein 1892er Benz. Das erste Exemplar dieses Modells, von dem nur noch 13 erhalten geblieben sind, wurde von Carl Benz 1891 hergestellt, doch erst im folgenden Jahr verkauft, da die Patentierung der neuen Lenkung auf sich warten ließ.