Nach dem Prinzip, daß Gegensätze einander anziehen, kann sich wohl ein richtig schön J. schlaffer Intellektueller unserer Tage für die mit den Naturmächten kämpfenden Helden Joseph Conrads begeistern. Doch gerade die Mühen, die das Leben dieser Romanhelden so interessant machen, scheut natürlich der müde Geistesarbeiter. Durch den Snob-Trip der geistigen Elite, einer Einladung von „Goethes gastfreundlichen Verwaltern“ – schließlich will man kein Allerwelts-Tourist mit einer niveaulosen Pauschalreise sein – nach Asien verfrachtet, findet sich einer von Deutschlands besseren Dramaturgen plötzlich seinem Traum näher gebracht, eine Reise zu den Spuren Joseph Conrads unternehmen zu können. Er startet gegen sein alter ego, Franz Nehoda, einen Draufgänger-Typen, den Wettlauf nach Tanjungredeb, einer Landspitze auf Borneo, die Conrad Stoff für neun seiner Werke verschafft hatte. Doch von einem Wettlauf kann eigentlich nicht die Rede sein. Horst Laube, der Autor dieses Reisebuches, ist es als Kopfarbeiter zwar gewohnt, sich in die seelischen Zustände literarischer Helden zu versetzen, als Mensch, der auch mal die „wirkliche Wirklichkeit“ kennenlernen will, zeigt er sich unfähig, sich fremden Lebensgewohnheiten anzupassen.

So malt er sich die Illusion der Suche nach dem Urwaldnest zwar abenteuerlich aus, in Wahrheit sitzt Laube jedoch an jedem beliebigen asiatischen Ort nur an der Bar – allenfalls am Pool –, läßt sich nach westeuropäisch/amerikanischer Gewohnheit mit Scotch oder ähnlichem bewirten, und wartet darauf, daß irgend etwas passiert.

Zunächst traut er sich nicht weiter weg als zehn Schritte von seiner Unterkunft. Die fremden Sitten und Gebräuche lernt er nur durch folkloristische Darbietungen im Zusammenhang mit dem Goethe-Institut Kennen, wo wiederum nur beflissene Ausländer am Deutschtum interessiert sind. Das wirkliche Leben findet also wieder einmal nicht statt. Denn wer sich in Bangkok zum Essen Schweizer Wein bestellt, nimmt sich dort ebenso seltsam aus, wie der Thailänder, der hier auf sein Entenfüße-Ragout nicht verzichten würde, das wegen der zarten Schwimmhäute so geschätzt wird.

Dafür darf Nehoda überall dort durch exzessive Lebensäußerungen auffallen, wo Laube Tage später dann auch hingelangt und nur noch von dem anderen Deutschen erzählen hört. Nehoda nimmt sich, was verboten ist, eine Prostituierte mit aufs Zimmer, er wirft mit Eisstücken aus seinem Drink nach dem Kellner, oder er prügelt sich so aufsehenerregend, daß er des Landes verwiesen werden soll. Laube dagegen, von Ort zu Ort reisend, wird immer wieder neu durch die asiatischen Lebensgewohnheiten verunsichert. „...in der Luft der süße Duft der Zimtzigaretten, von dem man meint, daß er sich für immer am Gaumen und in den Nasenlöchern festsetzt, die dümmliche Gewißheit dieser aufgeregten Menschen, ein wichtiges Ziel zu haben, die Polizisten überall, deren scharfe Bügelfalten wie ein Hohn auf den Schmutz und die Unordnung dieser Stadt sind – all das trieb mich aufs Neue in die Verstörung.“ Nur das parasitär-überhebliche Verhalten des europäischen Intellektuellen, der gar nicht mehr weiß, was das ist, „das Leben“, erlaubt es, Menschen, die allein des täglichen Überlebens wegen schon ein Ziel haben müssen, als dümmlich hinzustellen. Aber bei uns gelten Ziele als hoffnungslos, und die Verstörung ist der Gemeinschaftsausweis aller einsamen Denker.

Laube, der sich immer wieder aufraffen muß, um die Reise zu den zwei Flüssen doch noch anzutreten, kann sein zögerliches Verhalten gut mit asiatischem Gleichmut in Einklang bringen. Ein Vortrag von Gamelan Musik, die nur aus fünf immer wiederkehrenden Tönen besteht, wird ihm zum „ruhigen Glück der Zahlenreihe. Nach einer Stunde wurden meine Vorstellungen von Raum und Zeit weich. Da war nur der gleichmäßige Regen der Töne, der einmal stärker, einmal sanfter raüschte oder nur tropfte, als sei der Schauer vorüber, und von Blatt zu Blatt fielen nur noch einzelne Tropfen. Diese Musik drückte nichts aus und geschah jenseits des Verhältnisses zwischen den Musizierenden und ihrem Zuhörer. Sie war ein reiner Zustand des Daseins, das sie mit ihren Zahlenreihen ins Gleichgewicht brachte.“ Und so beschreibt Laube, ganz nebenher und unangestrengt, mit seiner ihn dem Ziel doch immer näher führenden Reise die asiatische Wirklichkeit zwischen Hektik und Monotonie, Hitze, Trägheit, Gerüchen und Überlebenskämpfen.

Seine Fahrt, auf der er an jedem neuen Ort wieder die These vertritt vom Drama in dem nichts los ist, weil auch in der Welt nichts los ist, nimmt sich vor der Realität zusehends lächerlich und sinnlos aus – eine jener Taten, „die nur Ablenkung von dem sein können, was wirklich geschieht“. Doch dieser Lebensstil kennzeichnet ja den Intellektuellen, wie der tägliche Schuß den Suchtkranken. Auf der Suche nach einem Sinn scheint nur noch die Annäherung an Joseph Conrad Halt zu geben. Denn-wie kein zweiter hat Conrad, dessen Werk so authentisch mit seinem Leben verknüpft war, es verstanden, durch eigene Tugendhaftigkeit die Tugendhaftigkeit seiner Helden als sinnvolle Notwendigkeiten darzustellen. Am Ende erreicht Laube natürlich sein Ziel, und er versteht es sogar, den Tatmenschen Nehoda auszutricksen und weit hinter sich zu lassen.

Das Angenehme dieser ruhigen Erzählung ist gerade das Fehlen jeglicher voyeurhaft-touristischer Betrachtung. Die Fremdheit des Erzählers in seiner Umwelt teilt mehr von den verwirrenden Eigenheiten der asiatischen Wirklichkeit mit, als es ein – um Realität einzufangen – bemühter Reisebericht hätte sein können.