Von Walter Helfer

London, im Oktober.

Ausgerechnet in diesem Jahr, wo es für die Konservativen gilt, den 100. Parteitag würdig zu begehen und den Wahlsieg vom letzten Juni zu feiern, verdunkelt ein Skandal aus den eigenen Reihen die sonst gewohnte Hochglanz-Stimmung im Seebad Blackpool. Die moralische und charakterliche Festigkeit eines Top-Tories steht im Zweifel: Cecil Parkinson, scheidender Parteipräsident, Minister für Industrie und Handel, Architekt der siegreichen Wahlkampagne dieses Jahres, bekannte öffentlich einen Fehltritt. Seine langjährige Sekretärin stand ihm auch als Geliebte zur Seite. Ein Baby ist für den 1. Januar angekündigt. Mr. Parkinson versprach der Freundin anfangs die Ehe, überlegte es sich dann aber anders und beschloß, bei Frau und Kindern zu bleiben.

Die Affäre des Mr. Parkinson, in dem viele bereits einen Nachfolger von Frau Thatcher sehen wollten, beherrschte die Schlagzeilen über den Jahrhundert-Kongreß dieser Woche. Frau Thatcher stellte sich schützend vor ihren Getreuen, der ihr seine folgenreiche Affäre bereits vor Monaten gebeichtet hatte, und erklärte die Angelegenheit zur Privatsache. Von Rücktritt könne keine Rede sein. Es mag andernorts als selbstverständlich gelten, daß das Liebesleben eines Politikers seine Privatsache ist, so lange er sich nicht mit KGB-Agentinnen einläßt, in Tory-Kreisen ist das normalerweise indessen nicht so. Cecil Parkinson und die Delegierten sehen sich jetzt konfrontiert mit dem eigenen Parteigeist, in dem viktorianische Vorstellungen von Rolle und Aufgabe der Familie noch Bestand haben.

Ansonsten werden die 5000 Delegierten im Wintergarten von Blackpool wenig Neues hören, Unter der unumstrittenen Führung von Margaret Thatcher wird die Partei auf Rechtskurs bleiben. Die Cruise Missiles werden termingerecht zum Jahresende aufgestellt werden, die monetaristische Politik wird strikt weiterverfolgt, die Reprivatisierung verstaatlichter Betriebe vorangetrieben, die Macht der Gewerkschaft gesetzlich eingeengt. Frau Thatcher hat keine gewichtige Kritik an inrem Kurs zu fürchten, weder in der Partei noch im Kabinett. Sie hat sich nach dem Wahlsieg im Juni eine Regierung bestellt, die ihr widerspruchslos folgt. Mit dem Abgang solch liberaler Tories, die gelegentlich den Mund aufmachten, wie Willie Whitelaw, Frances Pym, Norman St. John-Stevas und Lord Carrington, herrscht in Großbritannien heute eine homogene Tory-Regierung neuen Typs: durchweg bürgerlich, mittelständisch, kämpferisch, von der rigiden Ideologie des Thatcherismus überzeugt.

Was sich links von den Tories in der politischen Landschaft Großbritanniens tut, nährt die Vermutung, daß Frau Thatcher und ihre eiserne Riege so schnell nicht aus Downing Street 10 vertrieben werden können. Die oppositionelle Labour Partei hielt in der letzten Woche ihren Parteitag in Brighton ab und wählte mit Neil Kinnock einen neuen Führer. Der 41jährige walisische Politiker, ein Ziehsohn des alten Michael Foot, erschien den niedergeschlagenen Labour-Delegierten wie ein deus ex machina, ein Sendbote neuer Hoffnung. Solche Medizin braucht die schwer angeschlagene Partei dringend.

Das Wahldesaster vom Juni, als Labour den Tiefststand von 1918 in der Wählergunst wieder erreichte, versprach einen opulenten Parteitag auf der Suche nach Schuldigen. Doch das politische Blutbad blieb aus. Michael Foot, der Verlierer vom Juni, der die Partei wie von Todessehnsucht beseelt in die Niederlage geführt hatte, trat nach dem Debakel sofort zurück und machte Platz für Neil Kinnock. Der junge Mann, unterstützt von seiner intelligenten und hübschen Frau Glennis, nutzte die Chance. In nur drei Monaten schaffte er es, die Partei hinter sich zu bringen. Siebzig Prozent der Delegierten stimmten für ihn; das ist für Labour-Verhältnisse sehr komfortabel. Die Unterstützung für Kinnock scheint allerdings mehr im Irrationalen zu wurzeln als in nüchterner politischer Perspektive. Das Labour-Programm für die Zukunft unterscheidet sich kaum von dem, das Michael Foot und seiner Partei der politischen Lemminge das Desaster vom Juni bescherte: Einseitige atomare Abrüstung, Verschrottung der Polaris-Raketen, Abkehr vom Trident-Raketenprogramm, sozialistische Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik. Lediglich in der Europa-Politik ist eine Mäßigung erkennbar; Großbritanniens Mitgliedschaft in der EG soll nicht automatisch unter einer Labour-Regierung beendet werden. Die harte Linke mußte einige Schlappen einstecken, konnte aber im großen und ganzen ihr Terrain halten. Neil Kinnock, selbst ein Linker, wenn auch ein weicher, vermochte der Partei das Gefühl zu geben, daß ihre Politik an sich richtig war, nur den Wählern schlecht nahegebracht wurde. Im Grunde seien die Briten für klare linke Positionen mehrheitlich zu haben.