Alles wie gehabt: Eine Weile durften die Hausbesetzer Schlagzeilen machen, avancierten zu gefragten Informanten der Magazine und Funkanstalten auf deren Trips in die alternative Welt – dann waren sie ausgelutscht. Heute fragt kaum noch einer nach ihnen. Wenn ihnen alle paar Wochen mal wieder eines ihrer instandbesetzten Häuser weggenommen wird, dann bringt dies, wenn überhaupt, eine winzige Meldung. Solange schlagzeilenträchtige Straßen- und Steinschlachten ausbleiben, scheint die Frage müßig, was aus ihren Zielen und Sehnsüchten geworden ist.

Da erscheint zur rechten Zeit ein Buch, dessen Autor selbst eine Zeitlang Hausbesetzer war.

Keine analytisch-politisierende Schrift, sondern eine Erzählung, spannend, sehr schön und sauber geschrieben. Das ist keine Hausbesetzer-Biographie, sondern ein stellenweise außerordentlich witziges, gelegentlich auch boshaftes Stück Literatur, in dem der Autor sicherlich manche persönliche Erfahrung untergebracht, in deren Kunstfigur K. er aber geschickt und schlüssig eine ganze Reihe von Personen und Charakteren aus seiner Besetzer-Umgebung gepackt und verarbeitet hat.

Zu befürchten ist leider, daß bei der Resonanz auf diesen Erstling der hier geschaffene, unverstellte und ungewohnte Einblick in die Szene der Bewegung im Vordergrund stehen und die sprachlichen und stilistischen Qualitäten des Werkes übersehen werden. Dabei macht dieses gerade den Reiz aus: daß hier einer, dessen Parteinahme und Parteilichkeit gar nicht zur Debatte stehen, mit großem Bemühen um sprachlich-formale Überzeugungskraft, offen und unverkrampft, ohne Rücksichtnahme auf negative Reaktionen oder gar Rachegefühle in der Szenerie, das schildert, was ihm widerfahren ist mit Besetzern und ihre Sympathisanten, mit Polizisten und anderen Militanten, wie er sie erlebt und gesehen hat.

Damit werden etliche Mythen und Legenden zerstört, an denen nicht nur Journalisten, sondern auch die Hausbesetzer selber kräftig mitgestrickt haben: Hier wird nichts romantisiert und verklärt, hier wird Klartext geredet, auch wenn das nicht nur für den Autor schmerzlich ist. Ein unabhängiger Kopf blickt zurück, mal ironisch, mal erbittert, und immer ziemlich souverän die literarischen Spielformen nützend. Was der Verlag veröffentlicht, ist die dritte Fassung des ursprünglichen Manuskripts. Daß hier nicht nur ein sorgfältiges Lektorat, sondern auch ein fleißiger Autor am Werke waren, merkt man an jedem Kapitel.

K. ist einer, der am Anfang in Berlin vor sich hinstudiert, nebenher in Betrieben jobbt, wo er bei Kopierarbeiten zwischendurch auch rasch mal ein eigenes Gedicht in den Vervielfältiger schieben kann. Er lebt zu Hause bei den Eltern in Schöneberg, spart sein Geld, um irgendwann doch die lang ersehnte Reise nach Asien anzutreten – und hat unentwegt seine kleinen, und großen Probleme mit der geschlechtlichen Innen- und Außenwelt. Zu den schönsten, weil witzigsten, sensibelsten und persönlichsten Passagen gehören die Stellen, in denen Michael Wildenhain seine „Beziehungskisten“ und „-kästchen“ schildert.

Der „Gesichter, die am Montag tot sind, um am Freitag zu leben und am Sonntag zu sterben“, denen er alltäglich in der U-Bahn begegnet, mehr und mehr überdrüssig, wird K., der politisch Aufmerksame, von dem Boom der Hausbesetzungen zur Jahreswende 1980/81 animiert. Also gibt er sein Ticket für Asien zurück, besetzt mit einigen anderen sein und ihr Haus – und macht schließlich die Entwicklung mit, die so viele in der Berliner Besetzerwelt erlebt haben.