Nachdem die Vorgänger sich mit den soldatischen Traditionen etwas schwer getan haben, läßt der neue Verteidigungsminister Manfred Wörner die schon mit Patina besetzten Überlieferungen wieder aufpolieren. Bald kommt ein neuer Brauch- und Sittenerlaß. Schon im Vorgriff auf die neue Traditionspflege hat der Minister mehr Geld für soldatisches Lametta beantragt. Die Mittel für die Ehrenzeichen der Bundeswehr sollen im kommenden Jahr beträchtlich erhöht werden, von 40 000 Mark im letzten Haushaltsjahr der sozialliberalen Koalition auf nunmehr 90 000 Mark.

Ob der Haushaltsausschuß des Bundestages dabei aber mitspielen wird, dürfte sich erst bei den endgültigen Beratungen über Wörners Etat entscheiden. Eine Etat-Schlappe hat der Verteidigungsminister schon hinter sich. Die weitere Planstelle für einen dritten beamteten Staatssekretär wurde Wörner in einer Art Allparteienkoalition verweigert, obwohl Wörner sogar die Zustimmung des knauserigen Finanzministers Gerhard Stoltenberg hatte. CDU/CSU, SPD und FDP wollten die neue Stelle, die im Monat rund 14 000 Mark kostet, nur unter einer Bedingung bewilligen: Manfred Wörner sollte eine Ministerialdirektoren-Stelle (rund 11 000 Mark) in seiner Rüstungsabteilung streichen. Dort tummeln sich nämlich gleich drei Abteilungsleiter im Rang eines Ministerialdirektors.

Was nun aus Wörners Wunsch wird, einen industrieerfahrenen Manager im Staatssekretärsrang an die Rüstungsspitze seines Hauses zu stellen, bleibt weiter offen. Die Position, die es unter Wörners SPD-Vorgänger immer gegeben hat, wird jetzt durch den früheren Mitregierungssprecher Lothar Rühl besetzt, der wohl viel denkt, aber wenig managt und sich im harten Rüstungsgeschäft auch nicht auskennt. Wörner will dennoch an seinem dritten Mann festhalten und sucht nach einer den Haushaltsausschuß überzeugenden Lösung.

Was mag einen Mann bewegen, der die unter der SPDFDP-Regierung eingeleitete Kostendämpfung im Gesundheitswesen sehr wesentlich gestaltet hat, sich damit bei der Ärzteschaft und der Pharmaindustrie mehr Feinde gemacht hat als ihm lieb sein konnte, nun ausgerechnet ins Lager der Pharmaindustrie abzuwandern? Das jedenfalls ist ein Rätsel um Albert Holler, Abteilungsleiter Gesundheit und Krankenversicherung im Bonner Arbeitsministerium. Holler will sich als Hauptgeschäftsführer der Medizinisch-Pharmazeutischen Studiengesellschaft (MPS) in Mainz verdingen. In der MPS haben sich die sieben größten Pharmafirmen zusammengeschlossen.

Albert Holler, der die Pharmafirmen mit seiner Negativ-Liste (Bagatell-Medikamente werden nicht mehr von der Versicherung erstattet) ärgerte, und der vor allem den Ärzten die Flügel stützte, kommt von den Gewerkschaften und gehört auch der SPD an. Ersteres kann Minister Norbert Blüm hilfreich sein. Letzteres weniger. Dennoch hatte Holler die Wende 1982 überstanden. Blüm wollte den exzellenten Fachmann nicht missen.

Blüms Nachsicht gegen den SPD-Mann ärgerte indes die CDU/CSU-Fraktion, bei der man sich mit Köpfe-Rollen beliebt macht, sofern die nachfolgenden Köpfe richtig koloriert sind. Wozu schließlich hat man so lange auf den Wechsel gewartet, wenn er jetzt nicht eingelöst wird? Bei der Regierungsfraktion fand Holler kein Gehör mehr. Aushungern war die Losung. Überdies wurde hinter dem Rücken Blüms kräftig gegen Holler gestänkert, sogar beim Kanzler, bei dem auch hochrangige Ärzte vorstellig geworden sein sollen. Unter solchen Umständen ist anständiges Arbeiten nicht möglich; also hält man Ausschau nach einem neuen Arbeitgeber. Aber mußte es gerade die Pharmaindustrie sein?

Offenkundig ist, daß die Meldung über Hollers Absicht zur Unzeit kam. Holler wollte erst mit Blüm handelseinig werden. Als politischer Beamter könnte er ohne Angaben von Gründen in den einstweiligen Ruhestand geschickt werden, was bei Regierungswechseln oft vorkommt. Zwar kann ein Beamter auch von sich aus kündigten, dann aber verliert er geldwerte Beamtenansprüche. Für Holler wäre das viel Geld gewesen, schließlich liegt die Alterspension eines Ministerialdirektors bei rund 7500 Mark. Eine vorzeitige Entlassung aber sichert nicht nur die spätere Altersversorgung, sie gewährt auch ein Ruhegehalt. 7500 Mark in den ersten fünf Jahren, danach etwas weniger. Da die Privatwirtschaft solche lukrativen Ansprüche nur schwer realisieren kann, sind ihr vorzeitig in den Ruhestand geschickte Beamte am liebsten. Das ist die gegenwärtige Konstellation bei Holler.