Jakob Geberda ist Kellner. Doch er träumt davon, ein Held zu sein, der „Schwarze Ritter“. Angelika Schremser hat einen Buckel. Doch sie schwärmt für das Schöne, für die Oper, am meisten aber für den Operntenor Boris Cardori. Kleinbürgerträume. Krüppelphantasien. Jakob Geherda und Angelika Schremser sind die Titelhelden in zwei Stücken, die das Düsseldorfer Schauspielhaus am vergangenen Wochenende uraufzuführen beliebte: „Das wirkliche Leben des Jakob Geherda“ von Bertolt Brecht, „Die buckelige Angelika“ von Jörg Graser.

Im Foyer wirbt das Düsseldorfer Schauspielhaus auf riesigen Plakaten für sich selber. „Das Theater des Jahres“ bittet das Publikum: „Abonnieren Sie jetzt!“ Nach den beiden Uraufführungen wird man den Verdacht nicht los, daß ein anderes Theater gemeint sein muß. Oder ein anderes Jahr.

Der „Geherda“ ist ein Fragment. Etwa 1935/36 begannen Brecht und Margarete Steffin mit der Arbeit – die sie wohl rasch wieder aufgaben. Geplant war ein Stück über den deutschen Kleinbürger der Zwischenkriegszeit, seine Untertanenängste und Allmachtsphantasien. Aufs Papier gebracht wurde eine skizzenhafte Exposition und ein langes Traumspiel, eine valentineske Ritterszene: in welcher der zweite Kellner Geherda den Verführer des Abwaschmädchens Sylvia heldenhaft niederkämpft.

So träumt es Jakob Geherda. Doch wenn er wach ist, ist er feige und schweigt stille: bös sind die Zeiten, die Geschäfte gehen schlecht, da hält man als zweiter Kellner lieber das Maul. Geherda, der Retter, der Ritter, rettet nur eines: die eigene Haut.

So weit, so schlicht. Peter Palitzsch, der das Fragment schon in Frankfurt aufführen wollte, was damals noch am Veto der Erben scheiterte, darf sich nun endlich seinen Wunsch erfüllen. Doch es geht ihm dabei ähnlich wie dem Geherda: der Theatertraum ist eines, das wirkliche Theater des Peter Palitzsch ganz etwas anderes.

Dabei ist Brechts Text nicht ohne Reize: rauh, unverputzt, in Maßen unverschämt; noch nicht mit Botschaften beladen, mit „Freundlichkeit“ besänftigt, mit altchinesischen Weisheitssprüchen verziert. Der nackte Brecht. Ein Lachtheater, das sich weigert, ein Lehrtheater zu werden. Kein Werk für die Ewigkeit, aber, so hoffte man, vielleicht doch eines für unsere Theater – die, derzeit mal wieder dem Wehleid verfallen, ein bißchen Frechheit gut vertragen könnten.

Aber „frech“ wäre nun tatsächlich das letzte Wort, das einem zu Palitzschs Inszenierung einfiele. Mit einer zähen Sorgfalt nämlich breitet Palitzsch die kleine Geschichte aus, schneidet jedem Spaß sofort die Luft ab. Die tristen Verhältnisse regieren den Abend, nicht das Aufsässige von Brechts Beschreibung. Langsam, lethargisch, eine Ballade vom traurigen Cafe, geht der kurze Abend quälend dahin; dauert am Ende gerade so lang wie ein Fußballspiel, neunzig Minuten. Das reine Defensivtheater, lauter Sicherheitspässe, am Ende ein verdientes Null zu Null. Nicht einmal das lange weilende Ritterspiel, das von allen Zuschauern der Düsseldorfer Intendant am lautesten belachte, hauchte dem Abend irgendein Leben ein.