Von Ross Terril

Japanische Städte brausen und blitzen; in Singapur fühlt man sich fast wie in einer europäischen Stadt; Taipeh wird mittelständisch – nur die chinesischen Städte, selbst das berühmte Peking, sind zurückgeblieben. Sie sind die Hinterhöfe einer Teilindustrialisierung, wo man weder Schönheit noch Wohlstand findet. Sie sind die abgewürgten Herrschaftslehen einer politischen und militärischen Elite, in denen der Einwohnerschaft zukommt, dumm und demütig das Einzige anzustaunen, das glänzt – den Leviathan, die Erhabenheit staatlicher Macht.

Da ist es ein schwacher Trost, daß Peking seit der jüngsten Höflichkeitskampagne im Namen der „sozialistischen öffentlichen Moral“ sauberer und artiger geworden ist. Die Menschen spucken nicht mehr soviel auf den Straßen. Man kann auch schon eher zur Hauptverkehrszeit in einen Bus steigen, ohne gleich weggeboxt zu werden. Und den Ladenverkäufern fällt es bisweilen ein, daß sie angehalten sind, nicht so mürrisch zu sein. „Es ist ja angenehm, aber hält wohl nicht lange vor“, gibt ein alter Mann zu bedenken, der schon so viele politische Kampagnen kommen und gehen sah, „ist halt nur ein Feldzug, und wir Chinesen haben solche Feldzüge gern.“

In der Wang Fu Jing, der Hauptgeschäftsstraße Pekings, umringt eine Menge Menschen mit Plastikbeuteln einen großgewachsenen jungen Fabrikarbeiter. Er macht ein gequältes Gesicht. Irgend jemand hat gesehen, wie er auf den Bürgersteig spuckte. Der gesellschaftliche Druck gegen ihn steigt an wie die Flut am Hals eines versinkenden Mannes. Zusammen mit einem Freund, der ebenfalls ein Arbeiter ist, beobachte ich die Szene aus sicherer Entfernung. Zwei weibliche Angestellte des staatlichen Gesundheitsdienstes bahnen sich einen Weg durch das Knäuel der Fußgänger und zücken flink und selbstbewußt ihren Block.

Der Arbeiter macht Einwendungen, es sei doch ein winziges Vergehen, er werde es auch nicht wieder tun, doch klingt er weniger selbstsicher, als die Menge anschwillt; er muß klein beigeben. „Fünfzig Fen“, schnauzt eine der Hygiene-Maiden ihn an, während sie den Strafzettel ausfüllt. Er händigt ihr mit einem unterdrückten Fluch fünf schmutzige Scheine aus. Die Menge zerstreut sich mit zufriedenem Gemurmel.

Der Höflichkeitsfeldzug stützt sich auf jenen alten Katalog von Werten, von dem man annahm, der Kommunismus habe ihn in den Abfalleimer der Geschichte gekehrt – den Konfuzianismus. Als es sich herausgestellt hatte, daß die warme Glut kommunistischer Begeisterung aus der chinesischen Gesellschaft entschwunden war, fing die Regierung an, konfuzianische Gebote zu injizieren (Vergiß Dein Selbst – Tue alles für das gemeine Wohl – Sei freundlich zu den Alten), um die sozialistische Moral gesundzuerhalten.

„Schlage Dich nicht im Zuschauerraum“, mahnt ein Hinweis an den Türscheiben eines Theaters in der mandschurischen Hafenstadt Dalian. „Kaufe oder verkaufe keine Karten außerhalb der Theaterkassen“ (also nicht auf dem schwarzen Markt). – „Hab’ etwas Achtung vor den Schauspielern.“ – „Zerstöre nicht das Eigentum des Theaters.“ – „Rempel nicht die Leute an, wenn Du eintrittst und Deinen Platz einnimmst.“