Erich Honecker hat Helmut Kohl brieflich aufgefordert, seine „Haltung zur Stationierung neuer atomarer US-Raketen auf dem Territorium der BRD zu überdenken Er warnt vor „katastrophalen Folgen einer weiteren Aufrüstung“ und der Gefahr einer „neuen Eiszeit zwischen Ost und West“ und schließt sein Schreiben mit den Sätzen: „Ein atomwaffenfreies Europa ist letzten Endes das Ziel der europäischen Völker. Wir schließen uns im Namen des deutschen Volkes dem an.“

Die Überraschung, das fast Sensationelle im Brief von DDR-Chef Erich Honecker an Bundeskanzler Helmut Kohl steckt in der für den DDR-Sprachgebrauch höchst ungewöhnlichen Formulierung vom „Deutschen Volk“. Wann immer Politiker aus der Bundesrepublik eine solche Formulierung benutzten, wurde sie von der DDR abgelehnt, als Angriff auf die Souveränität ihres Staates DDR angesehen.

Honecker ist die für die DDR neuartige Formulierung sicher nicht aus Versehen und ohne Absicht aus der Feder gerutscht. Ganz bestimmt bedeutet sie nicht, daß die DDR von der Theorie der zwei Staaten auf deutschem Boden abzurücken gedenkt, erst recht nicht, daß er die von manchen westdeutschen Politikern noch immer erträumte Wiedervereinigung nach freien Wahlen in ganz Deutschland anvisierte. Solches Harakiri liegt der DDR fern. Die Rede vom „deutschen Volk“ in Honeckers Brief soll offenbar eine ganz andere, neue Qualität von nationaler Gemeinsamkeit heraufbeschwören. Der SED-Chef legt den westdeutschen Polit-Touristen, die auf seinem Sofa landen, immer wieder denselben Gedanken nahe: Beide Staaten trügen gemeinsam Verantwortung dafür, daß von deutschem Boden nie wieder Krieg ausgehe. Das ist für Honecker eben keine ostdeutsche oder westdeutsche Angelegenheit, sondern eine gesamtdeutsche.

Wie wichtig der Staatsratsvorsitzende diese Aufgabe nimmt, zeigt auch, daß er den Brief zu einer Zeit schrieb, in der er über Langeweile weiß Gott nicht zu klagen hatte. Da waren die Jubelfeiern zum 34. Jahrestag der DDR, kurz davor das Interview mit österreichischen Journalisten zur Einstimmung der Österreicher auf den Besuch ihres Bundespräsidenten Kirchschläger in der DDR. In diesem Interview bestätigte Honecker den Abbau der Selbstschußanlagen („diese Dinger“) an der innerdeutschen Grenze. Erstmals erfuhren verblüffte DDR-Bewohner aus ihren Zeitungen von der Existenz jener Anlagen.

In dieser Woche schließlich stand der Besuch Kirchschlägers auf dem Programm. Er sprach mit Honecker, fuhr nach Weimar, zur KZ-Gedenkstätte Buchenwald und – im Lutherjahr unvermeidlich – auf die Wartburg.

Honeckers Brief, besonders die darin enthaltene Berufung auf das deutsche Volk, sollte nicht einfach als taktischer Schachzug nach der militärischen Schau zum Staatsfeiertag als lächerlich oder belanglos abgetan werden. Seine Beschwörung deutscher Solidarität in Sachen Frieden kann und muß doch heißen, daß jeder der beiden deutschen Staaten auf seinen jeweiligen großen Bruder in Ost oder West einwirken sollte, statt nachzurüsten, endlich abzurüsten. Und das ist doch angeblich das, was wir alle wollen.

Marlies Menge (Ost-Berlin)