Von Gabriele Venzky

Das Haus am Longdon Place in Colombo gehört zu jenen schönen, behäbigen und altmodischen ceylonesischen Holzhäusern mit hohen Räumen und Galerien, die sich zu blühenden Gärten hin öffnen. Hier sitzt über Karten und Diagrammen, über Statistiken und Kurven ein kleiner, zarter alter Herr in durchgescheuerten Hosen und einem bleichgewaschenen Hemd. Auf den ersten Blick sieht er so gar nicht nach dem aus, was er ist: eine Schlüsselfigur im Kampf gegen den Hunger.

Es ist vollkommen unverständlich, daß die Welt nicht längst schon dem Percyval Upagiva Ratnatunga die Türen einrennt. Denn der 71jährige scheint die Methode gefunden zu haben, Menschen zu Wasser und damit zu Nahrung zu verhelfen, und zwar auf einfachste und billigste Weise. Er bringt seinen Landsleuten bei, die Regenströme des Monsun aufzufangen und zu horten, statt sie ungenutzt, versickern zu lassen. Diese Methode müßte im gesamten Monsungürtel der Erde funktionieren.

Ratnatunga ist durchaus nicht der Erfinder des Wasserhortens für Jedermann. Das waren vielmehr die singhalesischen Könige, die vor 2500 Jahren begannen, ganz Ceylon mit einem ausgetüftelten System von kleinen und kleinsten Teichen – sogenannten Tanks – zu überziehen. In ihnen wurde Regenwasser aufgefangen, das während der langen Trockenzeit für die Bewässerung der Felder genutzt werden konnte. Die "Tank-Kultur" hat die kleine Insel einst zu einem der mächtigsten Königreiche in Südasien werden lassen und seit dem 12. Jahrhundert zum Hauptreisexporteur in Asien.

Heute aber nungert Sri Lanka. Jedes Jahr müssen Tausende von Tonnen Reis eingeführt werden, und für viele Bauern sieht die Zukunft düster aus. Während das jährliche Pro-Kopf-Einkommen der Bevölkerung im Durchschnitt bei 450 Mark liegt, kommen sie häufig nur auf 250 Mark. Ceylon liegt an 18. Stelle auf der Liste der ärmsten Länder.

Schuld an dieser Misere ist vor allem die Tatsache, daß seit dem Einfall der Inder vor 500 Jahren die Tanks erst vernachlässigt und schließlich ganz aufgegeben wurden. Von mehr als 30 000 dieser Reservoirs, die allein im Trockengürtel des Landes existieren, funktionieren heute nur noch 7000.

Wasser ist das Leitmotiv in Ratnatungas Leben. Als er 1936 vom Studium in Cambridge als Landvermesser in die damalige Kolonie zurückkehrte, stieß er zum erstenmal auf die Tanks. Bei seinen Streifzügen zu Fuß durch den Busch fand er überwucherte Erdwälle, das waren die schlichten Staudämme der Ceylon-Antike. Und er stieß auf üppiges Grün in Gegenden, wo sonst kaum etwas wuchs. – Schon damals war das größte Problem der Bauern Wasser, und schon damals betrieben sie "chena", Brandrodung. Noch heute brennen sie jedes Jahr einen halben Hektar Land frei, pflanzen an und ziehen im nächsten Jahr, weiter. Zurück bleiben Öde und riesige Baumstämme, die tot und gespenstisch in den Himmel ragen. Für eine ganze Generation wächst hier nichts mehr.