Lech Walesa hat trotz aller Rückschläge den Optimismus noch nicht verlernt

Von Christian Schmidt-Häuer

Eine polnische Ohrfeige", so schrieb vor achtzig Jahren der Dichter Zeromski, "schmerzt mich mehr als die russische Knute." Für den Schmerz, den Warschaus eigene Armeeführung den Polen am 13, Dezember 1981 zufügte, um einen sowjetischen Einmarsch zu verhindern, hat Oslo jetzt einen späten Trostpreis gespendet. Die Auszeichnung des vierzigjährigen Lech Walesa, dessen beispielloses Gespür für Mäßigung und Kompromisse (bei allen Leidenschaften und naiven Allmachtphantasien) weder von seinen Anhängern noch von seinen Mitstreitern heilsam genutzt werden konnte – diese Auszeichnung gilt ja auch den Millionen, die dem Arbeiterführer wie einem Bürgerkönig folgten, ihn jetzt als trauten Hausheiligen und Familienpatron verehren und General Jaruzelski weiter verachten. Das macht die Entscheidung des vom Storting berufenen Ausschusses gleichermaßen sympathisch und problematisch.

Sie ist eine gute Tat – weil der "kleine Leszek" mit dem großen Friedensnobelpreis in den Augen seines Volkes, das sich mit Mut und Mythen für die Freiheit verzehrt, nun für das nur mit Gedenktafeln reichlich gedeckte Land als Sieger dasteht, Der sprunghaft-lernfähige, zeitlos-zerbeult gewandete Proletarier mit dem unbezwingbaren Gerechtigkeitssinn ohne kohlhaasischen Eifer, mit dem altmodischen Stolz auf nationale Würde, der an der politischen Gegenwart scheitern mußte, ist jetzt für die Geschichte und Legenden der moralische Triumphator. Nach den polnischen Ohrfeigen der Propagandisten sowjetischen Stils, die den Arbeiterführer als Großkapitalisten der Vatikanbank, als "Yankee von Danzig", als "nationalen Verräter", "als traurige Figur des Doktor Walesa", als "Herr Schildkröte" (Vizepremier Rakowski) in die Lächerlichkeit treiben sollten, kann Walesa nun auch noch die andere Wange hinhalten – ihn erschüttern sie nicht mehr, ihn kriegen sie nicht mehr klein zum politischen Niemand.

Problematisch ist die Auszeichnung, weil manche befürchten, daß dieser Friedenspreis die Solidarność-Anhänger zu neuem, aussichtslosem Streit ermutigen könnte; weil viele argwöhnen, daß diese Ehrung weniger dem Frieden als dem neuentbrannten ideologischen Krieg zwischen den beiden Weltmächten und ihren Lagern dient. Für die Preisverleiher mag an Walesa, dem gewaltfeindlichen Rebellen der Mitte, dessen weltlich-soziales Harmoniebedürfnis stets über sein religiös-romantisches Sendungsbewußtsein siegte, gar kein Weg mehr vorbeigeführt haben. Nur trifft diese Auszeichnung auf eine Umwelt der auftrumpfenden Kreml-Generale, der bramarbasierenden Kreuzzügler im Pentagon und der Bush-Trommeln gegen das bröckelnde sozialistische Lager. Ein Körnchen verständlicher Empörung ist deshalb im Leitmotiv enthalten, das jetzt die verlegenen bis verleumderischen Kommentare aus Osteuropa durchzieht: Polen solle als Unruhe- und Spannungsherd erhalten werden, um dem Westen zu Propagandazwecken zu dienen.

Gleichviel: Der Friedensnobelpreis, der schließlich nicht wie ein außerweltlicher, heiliger Strahl auf einen zeitlebens Erleuchteten fallen kann, der so häufig nur eine einzige politische Tat mit kurzem Blitzlicht erhellte, hat im kleinen Elektromonteur aus Danzig einen Menschen gefunden, dessen Handeln und Charakter lauterer sind als Wirken und Vita vieler "großer" Vorgänger. Die Liste jener Preisträger, in deren Leben Friedensstiftung oder Gewaltverhinderung nur die eine, die hellere Seite zeigte, ist lang: Theodor Roosevelt blieb trotz seiner Vermittlung im russisch-japanischen Krieg (1904/05) ein Chauvinist und Imperialist; Henry Kissinger ließ Bomben (auf Nordvietnam und Kambodscha) werfen; Menachem Begin ließ sie legen, als junger Terrorist.

Für Moskau, das die Auszeichnung Walesas bis Mitte dieser Woche überhaupt nicht meldete, sind die Nobel-Komitees des norwegischen Unterhauses und der schwedischen Akademie der Wissenschaften (für Literatur) ohnehin nur noch westliche Propagandainstitutionen. Die Sowjetunion verbot schon 1958 Boris Pasternak, den Literaturnobelpreis entgegenzunehmen; sie exilierte Alexander Solschenizyn, den Literaturnobelpreisträger von 1970; sie verbannte den großen Bürgerrechtler Andrej Sacharow, der 1975 den Friedensnobelpreis erhielt. Freilich: Wer auf richtigem Kurs lag oder sich nicht öffentlich engagierte, wie der Schriftsteller Scholochow und die sowjetischen Naturwissenschaftler durfte auch weiter seinen Preis zum Ruhme des Vaterlandes einheimsen.