Von Dietrich Strothmann

Wer hat Angst vor dem Ajatollah Chomeini? Nach den jüngsten Drohungen des iranischen Oberhaupts, auf einen irakischen Raketenangriff mit den fünf frisch gelieferten französischen Super Etendard, bewaffnet mit Exocet-Raketen, gegen den Ölterminal Karg im Arabischen Golf werde er die lebenswichtige Straße von Hormuz sperren lassen, reagierte jedenfalls das Großversicherungs-Unternehmen Lloyds in London gelassen. Bis jetzt wurden die Prämien für Tanker aus der Region nicht heraufgesetzt – ein wichtiges Zeichen für Normalität im Ölhandel. Auch auf der iranischen Verladeinsel, wo täglich zwei Millionen Faß verschifft werden, brennen noch die Lichter, das abgefackelte Gas steigt in den Himmel. Keine Gefahr in Sicht?

Mit dem angedrohten Griff an die Gurgel – die insgesamt rund 55 Kilometer breite Golf-Zufahrt zwischen dem Iran und Oman – versuchte Teheran schon in der Vergangenheit für seinen über drei Jahre andauernden Krieg mit dem Irak häufig das Glück zu seinen Gunsten zu wenden – ohne durchschlagenden, dauerhaften Erfolg. Darum reagierten die westlichen Import-Multis, durch Erfahrung klug geworden, auch diesmal ohne Hektik: Einmal, weil inzwischen ein Teil des arabischen Öls auf anderen Wegen in den Westen gelangt. Sodann, weil sich westeuropäische Staaten wie die Bundesrepublik durch Diversifizierung der Importländer (Libyen, England) wie auch durch sparsameren Verbrauch unabhängiger von den Golf-Quellen gemacht haben. Schließlich weil noch immer die beiden Grundsätze gelten: Die Iraner, die ihren Krieg mit Bagdad ausschließlich durch Öleinnahmen finanzieren, schnitten sich mit einer Sperrung der Straße nur ins eigene Fleisch; außerdem griffen im Ernstfall sowieso die Amerikaner in die von Washington längst als "lebenswichtig" erklärte Krisenregion ein, um den Flaschenhals wieder zu öffnen, notfalls gewaltsam. Noch immer gelte die Einschätzung J. William Fulbrights über die arabischen Ölmagnaten: Sie seien "Gazellen in einer Welt von Löwen".

Für eine geruhsame Einschätzung einer Eskalation in diesem krisenanfälligen Gebiet werden noch zwei weitere Gründe angeführt: Um die beiden, jeweils rund drei Kilometer breiten und fast 90 Meter tiefen, offiziellen Fahrrinnen – an der iranischen Küste in, an der omanischen aus dem Golf – zu blockieren, müßten entweder mehrere Großtanker versenkt oder aber Hunderte von Minen gelegt werden. In dem einen Fall blieben immer noch Nebenwege offen – es sei denn, es würden an die hundert Schiffe auf Grund gebracht (aber selbst der weitaus schmalere Ärmelkanal wurde während des Zweiten Weltkrieges nicht auf diese Weise lahmgelegt, weil es mißlungen wäre); oder es müßten, wegen der Strömung in der Golfstraße, ständig neue Minen geworfen werden. Auch der Versuch, vom iranischen Festland aus – wo die Mannschaften des Stützpunktes Bandar Abbas inzwischen mit "Revolutionsgarden" verstärkt wurden – den Zugang zu verriegeln, wäre zum Scheitern verurteilt: Dann wären die Einheiten der bereits 1980 vom damaligen Präsidenten Jimmy Carter gegründeten Rapid Deployment Force von ihren vier Stützpunkten in Oman zum Eingreifen gezwungen. Die angeblich 1000 Mann, die nach Ansicht des iranischen Parlamentspräsidenten Rafsanjani zur Sperrung ausreichen würden, wären gegen diese Konfrontation nicht gewappnet.

Gegen solche nüchternen Abwägungen können zwei Argumente angeführt werden:

Erstens genügt gerade im Fall der empfindlichen, mit hohen Kosten verbundenen internationalen Tankerflotte bereits die bloße Androhung von Gewalt, um sie vom Golf fernzuhalten. Das würde die Ölpreise auf dem Weltmarkt vorübergehend in die Höhe treiben (nach Angaben der Internationalen Energie-Agentur in Paris von gegenwärtig 28 auf schätzungsweise 98 Dollar pro Faß) und automatisch die Industrieproduktion in den Importstaaten drastisch senken (um schätzungsweise 30 Prozent). Schon einmal, im Juli 1979, reichte die bloße Ankündigung aus, palästinensische Partisanen wollten einen Supertanker in der Straße von Hormuz kapern, um die westliche Welt für eine Weile in Angst und Schrecken zu versetzen und in den militärischen Kommandostellen die Alarmglocken zum Schrillen zu bringen.

Zweitens hätte ein irakischer Raketenangriff mit französischem Kriegsgerät auf den Ölhafen Karg und ein entsprechender Gegenschlag der Iraner etwa gegen die Straße von Hormuz automatisch mit dem Eingreifen der US-Sondertruppe eine internationale Eskalation zur Folge, die Teheran angeblich im Sinne hat, um durch diese Verwicklung endlich den Golfkrieg zu seinen Gunsten beenden zu können.