Ein Spaziergang über den kleinen Dorffriedhof. Ein sonniger Sommertag und der kühle Raum unter den großen, schattenspendenden Buchen und Kastanien. Frische Blumen und verwelkte Blumen auf den Gräbern, viele unbekannte und ein paar vertraute Namen auf den Steinen.

Plötzlich ein Name, altbekannt, altvertraut, die Kindheit steht vor dir. Ein Vierteljahrhundert dreht die Zeit zurück. Der alte Mann, für uns Kinder einfach der Onkel, aus der Nachbarschaft, der Onkel ohne Verwandtschaft. Mit ihm bist du auf die ersten Bäume geklettert, er hat dir die ersten Maienkäfer geschüttelt, er verriet dir, daß die Sauerkirschen in Nachbars Garten wirklich besser schmeckten, von ihm erfuhrst du, wie man aus Kastanien und Schilfrohr Pfeifen bastelt, um dann Pfefferminz, getrocknet und kleingekrümelt, darin zu verpaffen. Von ihm weißt du, was Zeit heißt und Geduld, endlos viel Geduld für deine Kindersorgen, und endlos viel Zeit, mit Geschichten angefüllt, von denen du nie genug kriegen konntest. Er hat deine Tränen nie verraten und dir die Sonne hinter den Wolken versprochen.

In seinen Augen lag alle Freundlichkeit der Welt, und die vielen Fältchen in seinem Gesicht waren das Ergebnis seines verschmitzten Lächelns. Er erhob oft den Finger, aber nie zur Belehrung und nie drohend – du wußtest vielmehr, jetzt wird’s spannend. Wie sehr hast du ihn gebraucht, und nie, später, umgekehrt. Auf dem verwitterten, dunklen Stein steht sein Name. Du hattest ihn vergessen.

Thomas Vogel