Der Niedergang einer traditionsreichen Branche

Von Heinz-Günther Kemmer

Daß sich die deutschen Stahlunternehmen gegenseitig Erfolg wünschen, ist zur Rarität geworden. Die Branche ist verfeindet wie nie zuvor. Jeder spricht schlecht über jeden. „Rette sich wer kann“, heißt die Devise. In dieser Woche gibt es freilich eine Ausnahme: Wenn Thyssen und Krupp in Bonn über staatliche Hilfen bei der geplanten Fusion verhandeln, begleiten sie die guten Wünsche der Konkurrenz. Denn was Krupp und Thyssen dabei aus der Staatskasse herausholen, das erwarten die anderen anteilig auch für sich.

Der Bittgang nach Bonn fällt dem Branchenführer Thyssen – laut Hoesch-Chef Detlev Rohwedder der „Schlagmann im Boot“ – besonders schwer. Lange Zeit war nämlich Dieter Spethmann, ab Vorstandsvorsitzender der Thyssen AG Chef des führenden deutschen Stahl-Konzerns, gegen die Subventionierung der Stahlunternehmen in anderen Ländern des gemeinsamen Marktes zu Felde gezogen. Er hatte auch staatliche Hilfen für die deutschen Unternehmen immer strikt abgelehnt – sehr zum Verdruß einiger anderer Gesellschaften, die schon seit längerem nach der Staatskasse schielen.

Und auch jetzt ist von der Stahlindustrie der letzte Stolz noch nicht abgefallen. So wehrte sich Ruprecht Vondran, Geschäftsführer der Wirtschaftsvereinigung Eisen- und Stahlindustrie energisch dagegen, daß seine Branche mit dem Bergbau und den Werften in den gleichen Krisentopf geworfen wird: „So zu dritt, in einem Atemzug genannt, fühlen wir uns überhaupt nicht wohl. Wir werden nicht gern unterschiedslos zu den drei Mohren der deutschen Wirtschaft gezählt.“

Ausländischer Stahl bevorzugt

Vondran sagte dann auch gleich, wo für ihn der Unterschied zur Kohle liegt: Während diese schon aus geologischen Gründen deutliche Nachteile gegenüber den ausländischen Wettbewerbern habe, sei die deutsche Stahlindustrie „unter fairen Wettbewerbsbedingungen“ voll konkurrenzfähig. Und selbstbewußt fügte er hinzu: „In Europa halten wir selbst nach acht Jahren eines mörderischen Subventionswettbewerbs die Spitze.“