Verena von der Heyden-Rynschs Sammlung "Riten der Selbstauflösung

Von Nike Wagner

Es gibt Bücher wie Menschen. Wie Mensehen, die sich nicht hergeben, sondern nur Spiel- und Spiegelansichten von sich leihen. Solche Exemplare flieht man augenblicklich und tut sie ab als unverständlich, oder man befaßt sich mit ihnen, versucht hinter das Geheimnis ihrer Denk- und Seinsbewegungen zu kommen. Noch unschlüssig, welche Haltung einzunehmen sei, nähert man sich den –

"Riten der Selbstauflösung", herausgegeben von Verena von der Heyden-Rynsch; Matthes & Seitz-Verlag, München, 1983; 328 S., Abb., 32,– DM.

Aha, meint man angesichts des solipsistisch gestylten Modemädchenkopfs auf dem Umschlag und eines Titels, der den Gebildeten unter den Haschbrüdern auf den transparenten Leib geschneidert scheint, eine jener para-religiösen Anweisungen für inneres und äußeres Aussteigertum. Ein Blick ins Buch aber belehrt: nirgends Weiblichkeit, nirgends Rezepte zu besser durchgestalteter Drogenseligkeit. Mädchen und Titel sind Attrappen. Attrappen freilich – und das ist das marktstrategische Schnippchen – nicht um eine Leere zu kaschieren, sondern eine Fülle. Eine unglaubliche Fülle von Thesen und Konzepten, von Analysen und Argumenten, von Texten der Wut, der Ironie, der Poesie und der Preziosität, von Zeugnissen subjektiver Allmacht und objektiver Ohnmacht aus drei Jahrhunderten.

Eine Anthologie also? Wenn Anthologien sind, als was sie gelten, kulturelle Schnellkost für Reisende und After-Dinner-Entspanner, so ist dieses Buch eine Anti-Anthologie. Verena von der Heyden-Rynsch, die es komponiert und herausgegeben hat, folgt zwar dem erfolgreichen Würfelprinzip von Reader’s Digest aber nur, um ihren Lesern schwere Brocken zu verabreichen, ein Menü der Schlaflosigkeit.

Worum geht es? Vordergründig um die Figur des Dandy, auf der mittleren Ebene um das Problem des Dandyismus und im Grunde und Hintergrunde um Existentielles, um die Rettung der Seele vor der Erklärbarkeit, die Rettung des einzelnen vor seiner Auflösung in beobacht- und verstehbare Normteile, vor seiner Determinierung durch Psychiater und Behavioristen, Computer und Prozessoren.