Was soll die Literatur-Illustration: Texte deutlich machen oder Bücher schmücken?

Von Norbert Denkel

Es ist ganz erstaunlich, wie primitiv und naiv sich manche Auftraggeber zeigten, wenn sie annahmen, es brauche sich nur um Leichen und Verwesungsgeruch zu handeln, damit es mich zur Illustrierung reize. Es ist durchaus nicht nötig, bei einem nächtlichen Gewittersturm der Exhumierung eines Ermordeten beizuwohnen, um Unheimliches zu empfinden. Die nächstbeste harmlos-heitere Abendgesellschaft kann den Aufnahmebereiten nach der Seite des Schauerlichen mindestens gleichwertige Sensation bieten. Wir sind, das sehen wir ein, von Geburt an von Gespenstern umgeben. Gespenstisches wie Nichtgespenstisches zu malen, nimmt seinen Antrieb aus der gleichen Wurzel, aus dem Staunen des Selbstgefühls über die unendlichen Wunder der Welt.“

So liest es sich in einem Buch von Alfred Kubin, das wohl auch als Selbstzeugnis gedacht war: „Vom Schreibtisch eines Zeichners“. Er erzählt dort von seinen Erfahrungen, Erlebnissen, Absichten und Ansichten und hatte auch, es war 1939, Aktuelles parat: „Die plumpe Robustheit, sie (seine Zeichnungen) abzulehnen, deutet indessen nicht so sehr auf ,Gesundheit‘ als auf Angst vor den fragwürdigen Seiten des Daseins. Den Künstlerabenteurer gehen solche Abneigungen nichts an.“

Der Künstler als Abenteurer, der sich einem Text anverwandelt. Der die Phantasie des Lesers und Betrachters bei der Hand nimmt und ihm Bilder anbietet, parallel zum Text, somit doppelt eingreift: erst in den autonomen Text und dann auch noch in das individuelle Lese-Erlebnis.

Damit ist hinreichend klar, daß es nur ganz außergewöhnliche Bildangebote erreichen, aus einem Buch ein Gesamtkunstwerk zu machen.

Paul Flora, selber sachkundig, ordnet daher Kubin recht hoch ein, wenn er spricht „von der oft erreichten idealen Einheit von Form und Inhalt etwa oder von der Behandlung des Lichtes ... Kubin war ein großer Meister auf diesem Gebiet“. Aber auch Ablehnung dieses Illustrationsbegriffes läßt sich nachlesen, etwa bei Thomas Theodor Heine: „Merkwürdig, daß alle Verleger die dumme Idee haben, ein Buch solle illustriert werden. Schokolade schmeckt gut, Senf schmeckt gut, wie gut muß da erst Schokolade mit Senf schmecken! Ich hasse illustrierte Romane, die Illustrationen schließen die Phantasie des Lesers aus.“ Gezeichnet hat er dann trotzdem für Bücher und nicht schlecht dazu.