Werner Krauss: „PLN– Die Passionen der halykonischen Seele“

Von Heinrich Böll

In Zeiten der (allgemeinen?) Wende ist es notwendig, an eine Wende erinnert zu werden, die nicht stattgefunden hat: die Wende nach 1945. Unter den Wendebüchern, die sich Naziterror, Lager, Gefängnisse, Zuchthäuser zum Gegenstand gewählt haben, hätte dieses Buch von Werner Krauss einen besonderen Rang einnehmen müssen. In ihm findet der Widerstand nicht nur in Gesinnung, Haltung, Aktion, hier findet er auch in Sprache statt, eine bewundernswerte, feingliedrige Sprache, die mich nicht, wie es manchen früheren Rezensenten schien, an Cervantes, eher an Proust erinnert; mit proustscher Sprache an ein Kafka-Thema?

Der Titel: „PLN“ ( Postleitnummer) ist sperrig, der Untertitel mysteriös: „Die Passionen der halykonischen Seele.“ Das klingt nach Geheimwissenschaft. Es war schwierig, herauszufinden, daß mit halykonisch eine Dissimilierung von halkyonisch vorgenommen wurde, und halkyonisch – damit bezeichnet man die vierzehntägige Windstille, die der Windgott Aiolos den Eisvögeln während ihrer Brutzeit gewährt (das geht auf den Mythos um Alkyone und ihren Gatten, den König Keyx zurück, die in Eisvögel verwandelt wurden). Wenn halkyonisch also Ruhezeit bedeutet, Windstille, Harmonie – dann signalisiert halykonisch das Gegenteil von Ausgeglichenheit und Seelenruhe.

Der Titel „PLN“ ist nur der Einstieg in den wichtigeren Untertitel, dessen Bedeutung so schwer zu enträtseln war. Ja, die Großhalykonier, von Deutschen also sind immer noch weit entfernt die der wunderbaren halkyonischen Stimmung, die den brütenden Eisvögeln durch Aiolos, den Windgott gewährt wird.

„PLN“ ist ein Buch des Widerstands, des antifaschistischen Widerstands, in Gefängnissen und Zuchthäusern der Nazis geschrieben, nicht nur von innersprachlicher Spannung, Diktatur ist ja nicht nur die Brutalität grölender Straßenhorden und blutrünstiger Schergen, sie ist auch Sprachdiktatur: Vorgeschriebene Sprache, die vorgeschriebenes Denken (hier wäre ausführlich an Milosz „Verführtes Denken“ zu erinnern) bewirkt: Sprachmuster, Denkmuster, Zwangsmuster, die tiefer sitzen als uns bewußt ist. „PLN“ ist Widerstand der Sprache, nicht nur Flucht in sie, die einer angewidert von dem, was da in Großhalykonien vor sich ging, vollzieht.

Sprache als Waffe, die trifft, sticht, teilt, zerlegt, aufspießt, so daß ein bloßes Zitat schon zur Satire wird. Wichtig: zu unterscheiden zwischen Krauss und seinem „Helden“, der keiner ist; der, hätte er diese Sprache und dieses Bewußtsein gehabt, nicht so tumb ins Unheil getaumelt wäre.