Von Hans-Ulrich Wehler

Heinrich v. Treitschke ist mit seiner berühmten fünfbändigen „Deutschen Geschichte im 19. Jahrhundert“ (1879/94) nach 3640 Seiten nur bis ins Vorfeld der Revolution von 1848 gelangt. Fünfzig Jahre später blieb Franz Schnabel mit seiner ebenfalls weit ausholenden, aber vielseitiger konzipierten „Deutschen Geschichte im 19. Jahrhundert“ (1929/37) nach 2125 Seiten noch früher stecken. Danach hat sich keiner mehr an solch einem Großprojekt versucht. Zwar gibt es eine Reihe amerikanischer und englischer „Textbooks“, die diese Zeit behandeln, es gibt dogmatisch eingeschnürte Darstellungen von DDR-Historikern, und da sind der lesenswerte lange Essay von Golo Mann und die monumentale verfassungsgeschichtliche Enzyklopädie von Ernst Rudolf Huber, aber eine moderne Synthese, die sich auf der Höhe der internationalen Forschung und Diskussion sicher bewegt – sie gab es bisher nicht. Für einen großen Teil des Zeitraums liegt sie jetzt endlich vor mit dem Buch des Münchener Historikers Thomas Nipperdey: „Deutsche Geschichte 1800-1866. Bürgerwelt und starker Staat.“ Ohne Vorwort oder Einleitung springt der Verfasser sogleich medias in res, er beginnt – „Am Anfang war Napoleon“ – mit der Zerstörung der barocken Herrschaftswelt des Alten Reichs durch die Französische Revolution, mit der Neubildung und Reform der wenigen überlebenden deutschen Staaten unter dem Druck jener extremen Gesamtkonstellation. Da sieht er sich bereits einer Fülle von heftig umstrittenen Fragen gegenüber, bis zum Fluchtpunkt von 1866 wirkt ihre Zahl geradezu unendlich groß. Wie also hat er die Vielfalt der Probleme, die Stoffmassen der Ereignisseschichte gebändigt, das Wichtige vom Unwesentlichen geschieden?

Nipperdey legt ein Gliederungsschema zugrunde, das eine chronologische Einteilung (1800-1815, 1815-1848, 1848/49, 1849-1866) mit der Erörterung von Sachgesichtspunkten (zum Beispiel Bevölkerungs- oder Wissenschaftsgeschichte) verbindet, die es gestatten, im Längsschnitt einen wichtigen Entwicklungsstrang kontinuierlich zu verfolgen. Auf diese Weise ergeben sich sechs große Kapitel: I. Der Umbruch von 1803/06, Reformzeit und Kriegsära bis zum Wiener Kongreß; II. Sozial- und Wirtschaftsgeschichte von der Jahrhundertwende bis in die 1860er Jahre; III. Restauration und Vormärz; die neuen Bewegungen wie Liberalismus und Nationalismus; deutsche und europäische Politik; IV. Kulturgeschichte der christlichen Kirchen, des .Bildungswesens, der Wissenschaften, der ästhetischen Kultur, erneut epochenüberspannend von 1800 bis etwa 1866; V. Die Revolution von 1848/49; VI. Deutsche Politik von 1849 bis 1866, in den Einzelstaaten und in Europa, hinführend auf die Hegemonial- und Einigungspolitik Bismarcks, der im Berliner Entscheidungszentrum zu einer politischen Potenz sui generis aufgestiegen war.

Schon der Umfang dieses Buchs, das der Verlag handlich gehalten und typographisch ausgezeichnet eingerichtet hat, schließt ein Referat auch nur der wichtigsten Ergebnisse und Thesen aus; der schier zahllosen Einzelfragen müssen sich die fachwissenschaftlichen Experten annehmen. Hier geht es in erster Linie um die herausragenden Vorzüge dieser imponierenden tour de force, danach um einige offene Probleme und Grenzen des Unternehmens.

Nipperdey ist der Kompromiß gelungen, eine durch und durch wissenschaftlich fundierte Problemanalyse mit einer außergewöhnlich gut lesbaren Darstellung für ein allgemein interessiertes Lesepublikum zu verbinden. Im Gegensatz zu einem modischen antiaufklärerischen Kulturpessimismus, wie er sich neuerdings auch in der Geschichtswissenschaft wieder breitzumachen versucht, urteilt Nipperdey rational-abwägend, bis zur asketischen Zurückhaltung um historische Gerechtigkeit bemüht. Nipperdey hat in der theoretischen Diskussion der beiden letzten Jahrzehnte immer auf der regulativen Idee der „Objektivität“ bestanden; es verdient alle Anerkennung, wie weit er diesem hohen Anspruch selber gerecht geworden ist. Die eigene Meinung wird streng kontrolliert, Einwände werden ernstgenommen, ruhig erörtert, relativiert. Nur’selten schlüpft ein Ausfall gegen die „egalitäre Narretei“, gegen die Verabsolutierung von „Strukturen“, gegen die „Albernheit“ des Urteils der Nachgeborenen in den Text.

Der Stil ist klar, kraftvoll, geschmeidig, hier zustoßend, dort präzisierend, oft eher eine um Verständnis werbende Rede in lebhaftem Vortragsstil als eine langatmige wissenschaftliche Schreibe, auch wenn es um schwierige Überlegungen und komplizierte Sachverhalte geht. Die zentralen Begriffe und Phänomene – geradezu klassische Beispiele: Liberalismus, Entstehung der Parteien, Historismus!- werden scharfsinnig definiert, von allen Seiten mit einer Vielzahl prägnant formulierter Charakteristika gewissermaßen eingekreist, bis der Verfasser zufrieden ist und von diesem Fundament aus seine Gedanken weitertreibt.

So spannend und nuancenreich Nipperdey Politikgeschichte schildern kann, so kompetent er auch über Familiengeschichte, Alltagsleben, Minderheiten urteilt – den Höhepunkt bildet das Kapitel über die Kulturgeschichte: über Christentum und Entchristianisierung, über Schulen und Universitäten, über Wissenschaft, Musik, Architektur, Malerei und Literatur. Diese mit Sachkenntnis und einem vehementen Engagement geschriebenen 190 Seiten macht ihm keiner nach!

Aber das ganze Buch ist voll origineller Einfälle, voll unvoreingenommener, überraschender Perspektiven, voll scharfsinniger Interpretationen. Diesem Autor fällt zu den schon hundertmal hin und her diskutierten Problemen immer noch etwas Neues ein. Außerdem besitzt er die Gabe, Menschen und Situationen mit wenigen Worten oder Sätzen treffend zu charakterisieren, und trotz der Kürze hat man das Gefühl, daß er damit oft an das herankommt, was wir die historische Realität nennen. So, wie er analysiert, wie er formuliert – so könnte es, in der Tat, gewesen sein. Und so oft wie in diesem Buch, ich gestehe es gern, habe ich diesen Eindruck ganz selten gehabt.

Aber auch und gerade ein großer Wurf hinterläßt offene Fragen, wirft Probleme auf, hat seine Grenzen. Nicht zuletzt darin besteht ein gut Teil seiner weitertreibenden Wirkung, seiner Anregung, nach neuen Antworten zu suchen, in Neuland vorzustoßen. Einige kritische Einwände sind hier vorzubringen.

Der Untertitel ist irreführend: „starker Staat“ – ja, aber die „Bürgerwelt“ ist erst allmählich im Entstehen, sie ist noch nicht dominant, prägt noch nicht die Gesamtgesellschaft. Sozialstatistisch dominiert zu 70 Prozent das Land, in den Städten zu 60 bis 80 Prozent die Unterschicht. Das Bürgertum hat die Zukunft für sich, aber seine Zukunft hat damals erst begonnen. Eine bürgerliche Gesellschaft, die diesen Namen verdient, entsteht erst durch die großen Homogenisierungsschübe des 19. und noch des 20. Jahrhunderts.

Es fehlt eine Einleitung, die Auskunft über die zugrunde gelegte Konzeption gäbe, welche diese Synthese zusammenhalten soll. Einer weit verstandenen Politikgeschichte werden 430 Seiten zugebilligt (einer durchaus modernen Politikgeschichte, die politische Ideengeschichte, politische Theorien, Sozialgeschichte der Parteien mit einbezieht); 190 Seiten erhält die Kulturgeschichte, 170 Seiten die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte. Warum diese Aufteilung und keine andere? Welche Gründe sprechen dafür? Oder aber: Warum der glänzende Abschnitt über Architekturgeschichte, aber kein Abschnitt über Rechtsgeschichte, obwohl die folgen der großen Kodifikationen wie des „Allgemeinen Landrechts“ bis 1945 nachwirken, obwohl die Durchsetzung des neuen Staatsrechts nach 1803/07, die Ausdehnung des Staatsbürgerrechts, die Reform des Strafrechts, die Erarbeitung eines reuen Handelsrechts unstreitig wichtige Themen darstellen? Der Glaube, Totalität erfassen zu können, ist wissenschaftlich illegitim. Jeder muß seine Auswahl treffen. Er sollte sie aber dem Leser erläutern, begründen, sie damit auch diskussionsfähig machen.

Im Vergleich mit der Politik- und Kulturgeschichte kommt die Wirtschafts- und Sozialgeschichte im Zeitalter der durchbrechenden Industriellen Revolution, des erfolgreichen Agrarkapitalismus, überhaupt der aufsteigenden Marktwirtschaft und Marktgesellschaft mit ihrer neuen sozialen Ungleichheit in Gestalt der Klassen, entschieden zu kurz. Oder: Wo ist eine eingehende Analyse der Bürokratie als Herrschaftsinstrument und Herrschaftsträger zugleich – sie war doch weithin der „starke Staat“. Ähnlich kann man nach der Finanz- und Steuerpolitik, der Schlüsselinnovation der Aktiengesellschaft fragen. Noch einmal: Es geht nicht um einen illusionären Vollständigkeitsfimmel, aber um die Begründung für die Auswahl oder den Ausschluß von Problemkomplexen.

So bewundernswert die literarische und gedankliche Leistung auch ist, Nipperdey hat, scheint mir, zu oft auf eine Einführung in die Probleme verzichtet. Für Doktoranden und historisch gebildete Leser ist die Lektüre ein pures Vergnügen, Zustimmung und Widerspruch lassen einen nicht mehr zur Ruhe kommen. Die Darstellung setzt auf einem beneidenswert hohen Reflexionsniveau an, und das wird 800 Seiten lang durchgehalten. Aber weniger bewanderten Lesern wird der Zugang häufig erschwert. Hätte sich da nicht eine jeweils allmähliche Steigerung des Schwierigkeitsgrades gelohnt?

Mißlich ist es, daß jeder Beleg fehlt. Wie soll man die exquisiten Zitate, die (öfters strittigen) Zahlen der Tabellen, die exponierten Thesen kontrollieren? Hätte sich nicht auch hier der Kompromiß gelohnt, die wichtigsten Nachweise am Schluß zusammenzufassen? Die 17seitige Auswahlbibliographie, hilfreich wie sie ist, kann Belege nicht ersetzen.

Zentrale Begriffe werden manchmal gar nicht oder sehr spät definiert, so daß die Auseinandersetzung erschwert wird (zum Beispiel „Klasse“, „Verlag“, „Fabrik“). Zuerst zeigt der Autor eine gewisse Berührungsangst vor Schlüsselkategorien wie „Klasse“ oder „Agrarkapitalismus“, daher stehen sie in Anführungszeichen; später werden sie wie selbstverständlich verwendet, weil er ohne sie nicht auskommt. An „Klasse“ stört Nipperdey die angeblich zu enge Bindung an die ökonomische Lage. Aber warum wird nicht die Vielseitigkeit und Elastizität der Klassenbegriffe Max Webers ausgenutzt, der politische Macht, wirtschaftliche Position, soziale Ehre und so weiter, berücksichtigt? Die entstehende Marktgesellschaft schuf nun einmal neue, nichtständische Sozialformationen, die schon die Zeitgenossen wegen der Neuartigkeit mit dem neuen Begriff „Klasse“ bezeichneten und die zu Recht als „marktbedingte“ Klassen auf dem Land und in der Stadt analysiert werden können.

Mit dem Begriffsapparat hängt ein anderes Problem zusammen: Nipperdey spricht, wie wir alle, oft von „Entwicklung“. Wird der Begriff ernstgenommen, sollte man auch über die Richtungskriterien, die Evolutionsziele Auskunft geben: über den bürokratischen Nationalstaat, die kapitalistische Marktwirtschaft, die marktbedingte Klassengesellschaft. Dafür muß man jedoch die treibenden Kräfte der Epoche klar beim Namen nennen: Staatsbildung, Kapitalismus und Bevölkerungsvermehrung, Klassenformation, Wissenschaftsfortschritt und „Rationalisierung“ der Kultur.

Wie Dynamik und Wirkung der entscheidenden Triebkräfte der Epoche nicht dezidiert genug herausgearbeitet werden, bleibt auch der Schluß unbefriedigend: Das Buch endet mit einem Ausblick auf die politische Konstellation der späten 1860er Jahre. Hier hätten aber auch noch einmal die epochalen Bewegungskräfte der Zeit und die Ergebnisse, die sie in Wirtschaft und Gesellschaft, Politik und Kultur zustande gebracht haben, zusammenfassend erörtert werden müssen. Jetzt bleibt eine Lücke, die vermutlich kein Zufall ist. Denn da der Verfasser seiner Synthese eine explizit entwickelte, straff strukturierende Konzeption nicht zugrunde gelegt hat, entfällt auch der damit verbundene Zugzwang, am Ende eine Bilanz der gesamten Entwicklung zu ziehen.

Vielleicht hängt der knappe Ausblick aber auch mit der nicht voll überzeugenden Zäsur von 1866 zusammen. Der Einschnitt zu Beginn der 1870er Jahre – Abschluß der Reichsgründung, Übergang zu selbstgeregeltem industriellem Wachstum nach dem Durchbruch der Industriellen Revolution, beschleunigte Klassenbildung – bleibt doch wohl vorzuziehen. Andererseits: 1866 waren die Weichen auf die kleindeutsche Lösung hin gestellt, und vielleicht ist die Entscheidung für 1866 auch so zu verstehen, daß sich an diesem Band der seit langem erwartete und vom Verfasser auch ins Auge gefaßte Band über das Kaiserreich anschließen wird!

All das jedoch ändert nichts an dem Urteil, daß es sich bei dieser „Deutschen Geschichte 1800-1866“ um das historische Buch nicht nur dieses Jahres handelt. Jeder, der sich fortab mit dieser Zeit beschäftigt, hat sich mit „dem Nipperdey“ – wie man bald sagen wird – auseinanderzusetzen. Es ist ein bedeutendes Werk von einem intellektuellen Rang, den allenfalls ein halbes Dutzend Bücher, die der deutschen Geschichtswissenschaft nach 1945 zugewachsen sind, für sich in Anspruch nehmen kann.

Hans Ulrich Wehler Ist Professor für Allgemeine Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts an der Universität Bielefeld.