Von Ulrich Schiller

Sieben Jahre lang war William A. Root Direktor der Abteilung Ost-West-Handel im amerikanischen Außenministerium gewesen. Ende September reichte er seinen Rücktritt ein. Seine Begründung: Anstatt mit den Verbündeten über die fällige Anpassung der CoCom-Listen so zu verhandeln, wie Präsident Reagan es versprochen hat, nämlich im Geiste des Kompromisses, haben ihnen die Vereinigten Staaten nur mit doppeltem Eifer zu verstehen gegeben, daß die Amerikaner alles am besten wissen und die Verbündeten sich nach ihnen richten sollen.

In einem Interview mit der Washington Post machte William Root die Buhmänner im Verteidigungsministerium aus. Das Pentagon habe es abgelehnt, von eigenen Vorlagen auch nur einen Deut abzugehen. Es habe nicht einmal konstruktive Vorschläge der Verbündeten für wirksamere Exportkontrollen erwogen. Der Arroganz im Umgang mit den Nato-Freunden zeiht Root besonders die Führungsspitze: Verteidigungsminister Caspar Weinberger, dessen Staatssekretär für Politische Angelegenheiten, Fred Iklé, und den Direktor Richard Perle, der für Internationale Sicherheit zuständig ist.

Perle bestreitet diese Vorwürfe. Die Regierung Reagan habe doch nichts anderes betrieben, als gefährliche Fehler und Unterlassungen korrigiert. Denn in den siebziger Jahren habe der illegale Strom technischer Güter von West nach Ost verheerenden Schaden angerichtet.

Es war in der Tat von Anfang an eine der Grundüberzeugungen der Regierung Reagan, daß der Osthandel stärker mit den westlichen Sicherheitsinteressen in Einklang gebracht werden müsse. Schon in seinem ersten Jahresbericht an den Kongreß im Februar 1982 sprach Weinberger von einem Ansturm der Sowjetunion gegen die technische Basis des Westens, einem Feldzug mit legalen und illegalen Mitteln. "Die laissez-faire-Haltung des letzten Jahrzehnts", so der Minister, "hat der Sowjetunion geholfen, neue Generationen von intelligenten Waffen (smart weapons) zu entwickeln, in dramatischem Umfang ihre Luftlandekapazitäten zu erhöhen, Kernwaffen zielsicherer zu machen und das Kommando-Kontrollsystem ihrer Streitkräfte mit besseren Computern effektiver zu machen." Der Erwerb westlicher Computer, integrierter Schaltkreise und Steuerungssysteme, die Aneignung westlichen Wissens auf den Gebieten der Halbleiter, der Gen-Technik und der Superplastik – dies alles habe der Sowjetunion in Produktionsbereichen von hohem militärischem Nutzen Milliarden von Rubel und Jahre an Forschungsarbeit erspart.

Das Pentagon wartet mit Beispielen auf:

  • Für das in den siebziger Jahren gebaute sowjetische Lastwagenwerk an der Kama haben westeuropäische Länder Ausrüstung und technisches Wissen im Werte von 1,5 Milliarden Dollar beigesteuert. Trotz sowjetischer Versprechen, die Lkws sollten nur zivilen Zwecken dienen, wurden Lastkraftwagen aus dem Kama-Werk von den sowjetischen Truppen in der DDR und auch beim Einmarsch in Afghanistan verwendet.
  • Anfang der siebziger Jahre hat die Sowjetunion 160 Präzisionsschleifmaschinen in Amerika eingekauft. Mit ihrer Hilfe konnte sie Kugellager herstellen, die für Interkontinentalraketen und die elektronischen Zeitsysteme der Kernsprengköpfe verwendet werden. Die Zielgenauigkeit sowjetischer Raketen ist auf diese Weise sehr viel früher erreicht worden, als es den sowjetischen Technikern allein möglich gewesen wäre.
  • Ende der siebziger Jahre hat die Sowjetunion im Westen zwei schwimmende Trockendocks eingekauft. Sie wurden unmittelbar den Roten Flotten im Pazifik und im Nordmeer zugeteilt. Diese Docks sind die einzigen, die nicht nur die Flugzeugträger der "Kiew"-Klasse für Senkrechtstarter, sondern auch die geplanten Großträgerschiffe für modernste Jagdbomber aufnehmen können.
  • Aus England, Frankreich und Finnland hat die Sowjetunion eine moderne Technik für Anlanderampen zwischen Schiff und Pier oder Küste erworben. Panzer und anderes schweres Gerät können dämit schneller als vorher an Land gebracht werden. Das neueste Schiff für den Amphibienkrieg, die "Iwan Rogow", soll damit bereits ausgestattet sein.
  • Dank westlicher Mikroelektronik und Computertechnik hat sich der sowjetische Rückstand gegenüber vergleichbarer amerikanischer Technik von zehn bis zwölf Jahren (um 1965) auf gegenwärtig drei bis fünf verringert.