Die Autobiographie der Louise Brooks

Von Gisela von Wysocki

Die Soprankoloraturen Lulus nannte Adorno den Gesang des "absoluten Körpers". Als Alban Berg 1928 mit seiner Oper beginnt, versieht er die Titelpartie mit der Anweisung: "im Tempo des Pulsschlages". (Schon Wedekind hat im Prolog zu "Erdgeist" und "Die Büchse der Pandora" von einer "körperlichen Kunst" gesprochen.)

Im gleichen Jahr holt sich der Berliner Filmregisseur G. W. Papst die Schauspielerin Louise Brooks aus Hollywood und läßt sie eine Lulu spielen, deren "athletische Vollkommenheit" – so der Kritiker J.-G. Auriol nach der französischen Aufführung des Films – das Kitsch-Arsenal aufgetakelter Hollywoodbräute aus den Angeln hob. Die offizielle Kritik bemängelte die "kunstlose" Darstellung der Titelfigur, und der Film wurde beim Publikum ein Reinfall. Man vermißte das "Spiel", die beruhigende Ausstrahlung des Als ob. Diese Lulu aus Berlin zeigte zu wenig "Gefühl", Gefühl vor allem für das Unerlaubte, Sündhafte ihres Tuns. Frankreich bot schließlich einen Filmschluß an, der das Publikum zufriedenstellte: Lulu geht zur Heilsarmee. Die Zuschauer wollten, wie bei Sarah Bernhardts "Kameliendame" die Dirne leiden sehen; nicht ornamentfreie freie Liebe, nicht diese "Kindereinfalt des Lasters" (Brooks).

Lotte Eisner, die die aus der amerikanischen Filmszene importierte Badeanzugschönheit eine "Philosophin" genannt hat, beschrieb Louise Brooks wie ein Wesen aus einer anderen Welt: als "rätselhafte Unpersönlichkeit", als "heidnisches Götzenbild". Dabei war die schöne Kaltblütigkeit und helle Strenge, mit der sie ihre Rolle gab, im Grunde genommen nicht mehr als angewandte Lebenserfahrung. Sie war aus einer Music Hall gekommen, um als "Lulu" in eine Music Hall einzuziehen.

Mechanik des Mythos

Als "Ziegfeld Follies"-Girl kannte Louise Brooks die reichen Geschäftsleute aus eigener Anschauung, die, genau wie Dr. Schön bei Wedekind, die Finanzierung riesiger Tanz-Shows übernahmen, um sich auf diese weise regelmäßig mit Lulus versorgen zu können. Sie war selbst, so schreibt sie, einige Jahre lang die lässige Begleiterin "höchst zahlungsfähiger Junggesellen um die Dreißig" gewesen. Angereist aus Hollywood, das sie in einem Interview mit dem Berliner Magazin Filme, Photos wie noch nie als "Stadt der Desillusionen" bezeichnet hatte, konnte sie, als Chorusgirl und als verlorene Tochter, eigene Erfahrungen vor die Kamera bringen. "Ihr Leben gleicht genau dem Leben Lulus, und Sie werden auf die gleiche Weise enden", sagte G. W. Papst besorgt, zu ihr, nachdem er einige ihrer Freunde kennengelernt hatte, reiche Amerikaner, mit denen sie jede drehfreie Minute verbrachte.