Von W. Martin Lüdke

Mein Gott, ist das beziehungsreich’, möchte ich mit Heißenbüttel zitieren, ‚ich glaub‘, ich Übergeb’ mich gleich’, um dann mit Fries zu sprechen: ‚Gebt Beifall, Freunde, dies ist Weltniveau, und fast ein Stück von uns.‘“

Hier wird erzählt auf Teufel komm raus, handfest und realistisch, und wenn auch die Erzähler nicht immer auf dem festen Boden einer (freiheitlich demokratischen oder sozialistischen) Grunde Ordnung stehen, sie stehen mit beiden Beinen im Leben. Die Wirklichkeit wird lebendig, als Fiktion, aber diese Fiktion ist Realität, als Literaturgeschichte (zum Beispiel). Immerhin, die Erzähler bleiben linientreu, bis zur letzten Konsequenz. Schließlich handelt es sich um einen Roman aus der DDR. Das sind, so gesehen, auch phantastische Bedingungen. Denn: „Die DDR ist das einzige Land in Europa, wo alles gleichzeitig geschieht. Ideal für einen modernen Roman.“ Nur, so wendet Berlinguer, der „tragisch“ verschollene Erzähler und Held, ein Sprachgenie, Lebens- und Liebeskünstler, vorsichtig und sozusagen dialektisch ein; die Leute wollten es doch lieber „übersehbar“: „Das Nebeneinander von, sagen wir, Steinzeit und Fastschon-Kommunismus braucht eine ungeheure Einsicht.“ Das heißt, um auch das noch vorweg anzudeuten, die „Aufklärung“.

Bleiben wir bei diesem Anspruch, dann ist einzuräumen, daß von einem Roman keineswegs gesprochen werden kann, sondern zunächst nur von 385 Seiten, zwei Teilen, dreizehn Kapiteln und, darauf folgend, einer „amtlichen Mitteilung“ sowie einigen „apokryphen“ Anmerkungen aus „Dr. Retards Zettelkasten“ und einer wahrlich polyglotten Zitatfülle, die am Ende durch die „Übersetzung fremdsprachiger Textstellen“ (keineswegs) entschlüsselt wird.

Da bleibt manches im dunkeln, obwohl unser Dr. Retard (hauptberuflich) für die Aufklärung arbeitet. Der „spurenleser von profession“, also ein „geübter leser der Zeilen zwischen den Zeilen“ (das ist wahre Linientreue!), kann sich hier (wie weiland am Arno) austoben, auf die Gefahr hin, daß dort, wo das Buch entstanden ist, der „akademische Kolportageroman“ nur noch „unter dem Ladentisch gehandelt, und dafür hier, wo die Zeilen zwischen den Zeilen leer bleiben, das „Weltniveau“ eingesetzt wird. „Literatur ist ja eine hemmungslose Angelegenheit, es ist ja dem Schriftsteller (...) aufgegeben, mit immer schärferem Bewußtsein an einem Text zu arbeiten, dessen Sinn dabei immer unverständlicher wird.“ Anders gesagt: „Die Hoffnung auf eine gelungene Ähnlichkeit mit Personen und Zuständen läßt den Autor versichern, daß eine zufällige Ähnlichkeit mit lebenden Personen nicht beabsichtigt war.“ Doch, auch das sollte bedacht sein, Ironie und Sarkasmus liegen (nicht nur) für Fries (und für ihn: seit jeher) so eng beieinander wie, sagen wir, „Belehrung und Unterhaltung“ für den Verfasser des „Don Quichotte“ oder, um ein aktuelleres Beispiel zu wählen, südkoreanische Linien-, amerikanische Aufklärungsflüge und sowjetische Luft-Luft-Raketen oder, ebenso naheliegend, Fries’ Neigung zum hemmungslos ausufernden Erzählen und seine Fähigkeit, eine bis ins Detail durchdachte, hinterlistig ausgetüftelte Konstruktion zu entwickeln.

Damit dürfte nun klar sein, worum es hier geht: um Weltniveau, die gegenwärtige Brisanz einer aufgeklärten Literaturgeschichte, um Verkehrsprobleme der unterschiedlichsten Art und um Verhältnisse in (fast) jedem Sinn des Wortes. Kurz gesagt: es geht kreuz und quer, bis zum Ende. Erst die „amtliche Mitteilung“ von ADN, derzufolge unser (Haupt- und Neben-)Held Berlinguer „wahrscheinlich“ auf „tragische Weise ums Leben gekommen“ ist, macht klar, daß hier keine weitere Aufklärung möglich (und womöglich: nötig) ist.

Gerade deshalb scheint mir ein (zugegeben akademischer, dafür kurzer) Exkurs angeraten: ein Rückgriff sozusagen auf die Voraussetzungen dieses kalkuliert chaotischen Unternehmens mit seinen anarchistischen An- und Absichten.