Von Gisela Stelly

Der Taoismus, die frühe chinesische Philosophie, beantwortet die Frage nach dem Leben, indem sie den Fragenden als einen durch diese Frage sich bereits außerhalb des Lebens Befindlichen zu erkennen gibt. Da unsere Kultur stets dieser Frage nach dem Leben, seinem Sinn und Ziel nachgeht, so kann man im Sinne der frühen chinesischen Philosophie von einem steten Suchen nach dem Leben reden, das verlorenging.

Nach der Lektüre von Jean Liedloffs Buch „Auf der Suche nach dem verlorenen Glück – Gegen die Zerstörung der Glücksfähigkeit in der frühen Kindheit“ muß man das Wort „Leben“ mit „Wissen“ übersetzen: Verloren ging das Wissen von uns selbst. Es ist seine Zerstörung, welche die Enteignung des Menschen in Gang setzt: Voraussetzung, so Jean Liedloff, der bestürzenden Tatsache, daß der Mensch zwar mehrere Millionen Jahre ein „Erfolg“ war, sein Weiterleben für nur hundert Jahre aber äußerst fraglich ist. Die Stadien dieser zunehmenden Erfolglosigkeit sind die Stadien seiner zunehmenden Nicht-Erotisierung.

Nichterotisiert, das heißt unbelebt, wird er unfähig zu „wissen“, wer er ist und was ihm angemessen ist, ist er sich selbst mehr oder weniger unbekannt, seiner selbst enteignet.

Was von diesem Unbekannten sichtbar wird in und durch die Arbeiten von Jean Liedloff, Melanie Klein und Luce Irigaray, möchte ich im Ausschnitt beleuchten.

Anders als die Psychoanalyse (Melanie Klein), die von dem, was sie sieht und deutet, auf das schließt, was sie dann als gegeben ansieht, hat Jean Liedloff einen Spiegel gefunden, in dem sie das Bild unserer selbst wahrnimmt: Ihre Einsichten in das Leben der Yequana-Indianer des Amazonas eröffnen ihr Blicke für die Art der Abweichung unserer Kultur.

Diese Enteignung geschieht, wenn es verwehrt ist, im Kontinuum zu leben. (Mit Kontinuum benennt Jean Liedloff zum einen den Lebenszusammenhang der menschlichen Gattung, gewachsen in der Evolution, zum anderen die daraus entstehenden Erwartungen.) Verwehrt wird in unserer Kultur die „richtige“ Geburt und das „richtige“ Zuende-geboren-werden, das erst mit dem zweiten Lebenjahr etwa abgeschlossen ist (von der Psychoanalyse „Ich-Bildung“ genannt).