Hervorragend

Johann Sebastian Bach: „Kammermusik“. Gewiß, gewiß. Mit Barockmusik auf alten Instrumenten, seien sie nun original, seien sie historischen Vorbildern nachgebaut, werden wir in den letzten drei, fünf, zehn Jahren überschwemmt, und die ständigen Seufzer-Drücker, das andauernde „Ach, weh!“ oder die sentimentalisierten Legati, die sich aufbauenden und wieder abschwellenden Töne – gelegentlich glaubt man protestieren zu sollen: Mein Gott, schaut euch doch die barocken Fürstenproträts an; die Herren waren keine weichlichen Sensibilissimi! Aber dann hört man, wie Reinhard Goebei eine Linie zäsuriert und artikuliert, wie er sich gegen ein hochvirtuoses und messerscharf geschlagenes Cembalo von Robert Hill durchsetzen muß; oder gegen das Empfindlich-Empfindsame, aber vor allem auch so Akkurate von Henk Bouman; zieht Parallelen von dort zu den Flötensonaten mit Wilbert Hazelzet; erkennt namentlich in den unglaublich feinen, delikaten, samtigweichen und dann doch entschieden klaren Linien und Akzent-Tönen der Gamba von Jaap ter Linden, was heute auf Instrumenten möglich ist, die Johann Sebastian Bach gewiß auch gekannt haben könnte, auf denen er aber niemals wohl so perfekt seine Musik gehört hat – er hätte sich keine einzige seiner ernsten Klagen auch nur hinter der vorgehaltenen Hand erlaubt. Tempora mutantur – die Zeiten ändern sich, dieses Mal zu unseren Gunsten. (Musica Antiqua Köln; DG Archiv 27 42 007, 7 LP) Heinz Josef Herbort

Hörenswert

Clarence Gatemouth Brown: „One More Mile“. Den Cover-Notizen, die der Blues- und Rock ’n’ Roll-Spezialist Pete Guralnick für das neueste Album von Clarence Gatemouth Brown geschrieben hat, ist eigentlich wenig hinzuzufügen. Der Multi-Instrumentalist, inzwischen knapp sechzig Jahre alt und erst spät zu Ruhm gekommen (für „Alright Again!“ bekam er einen „Grammy“), verkörpert mit seiner Mischung aus Cajun und Country Music, Blues, Jazz und Rhythm & Blues-Anklängen eine so solide wie unterhaltsame „Tradition der Qualität“, ohne die Genre-Grenzen zu sprengen. Basis ist der elektrifizierte Texas-Blues in der Nachfolge eines T-Bone Walker, wie ihn Mitte der sechziger Jahre auch die Steve. Miller Band spielte, und unüberhörbar (bei „I Wonder“ beispielsweise) auch die Blues ’n’ Country-Fusion, die Ray Charles um 1960 anzettelte, als er seine „Modern Sounds in Country & Western“ aufnahm. Nichts für Blues-Puristen also, die hier auf das kürzlich erschienene „In Memoriam“-Album von Muddy Waters verwiesen seien (Chess 6.28622). Aber handwerklich doch so gekonnt und abwechslungsreich, daß man Brown und seiner Gruppe vergnügt zuhören kann. (Pool International 66.23086/Teldec Import Service) Franz Schöler

Artifizell

Voss Ignatzek Duo: „Journey to Grand Canyon“. Diese Reise, von der der Pianist Klaus Ignatzek und der Saxophonist Jochen Voss erzählen, ist eine lange, von Erlebnissen mäßig erschütterte, von Durststrecken nicht verschont gebliebene Fahrt. Wiewohl die beiden Musiker tapfer und lange wandern, dachten sie sicherlich an vieles andere, und ob sie jemals angekommen sind in der bizarren Fels-Tal-Landschaft des Canyon, bleibt ungewiß. Natürlich ist diese Versinnbildlichung von Musik gefährlich, womöglich auch ungerecht; vielleicht führt der Titel auch in die Irre – denn es handelt sich einwandfrei um absolute Musik, und sie einfach dem Jazz zuzurechnen, fällt schwer: eine intellektuell sehr kontrollierte Musik, auf der zweiten Seite farbiger; musikalische Dialoge, die sehr ehrgeizig geführt, dabei kunstvoll ineinander verhakt werden und Temperamentsausbrüche nicht erwarten lassen. (Trion 3208/Bellaphon Sound Service) Manfred Sack

Gelegentlich heiter

„Loriots Festreden“. Er ist der Größte. Wenn nicht der einzige. Aber das Größte von Loriot ist es nicht gerade, was diese Schallplatte, kurz vor des Meisters 60. Geburtstag, vorführt. Das beginnt mit Äußerlichkeiten: Auf der Plattenhülle versucht sich Nike Wagner in aberwitzigen (aber nicht witzigen) Wortspiel-Kunststückchen zu Ehren Loriots. Das muß man nicht lesen. Aber hören muß man, ob man will oder nicht, jenes „geladene Publikum“, das am 13. Juni 1983 in einem Hamburger Studio die akustische Statisterie abgab bei der Aufnahme von Loriots gesammelten Festreden aus den Jahren 1970 bis 1983. Lauter Freunde des Meisters offenbar, die nun enervierend miteinander in guter Laune und kreischendem Frohsinn wetteifern – und damit die Platte beinahe ruinieren. Dabei sind Festreden, deutsche Festreden, eine tiefernste, todtraurige Angelegenheit – also ist Loriot am besten, wo er den Ernst der Sache so bitter ernst nimmt, daß der sich geradewegs in den himmlischen Schwachsinn, die göttliche Idiotie verwandelt. Ein Meisterstück gleich zu Anfang: Loriots Festrede zum 100. Geburtstag der Berliner Philharmoniker. Danach aber fast nur noch Freundliches bis Flaues, humorig, humoristisch. Satire, die nicht zubeißt, Nonsens, der nie bis an den Rand des Wahnsinns wandert. Plötzlich hat man einen geradezu blasphemischen Verdacht: Ob Loriot deshalb von allen geliebt wird, weil er selber zu allen lieb ist? Nein, es darf nicht sein. Also bleibt uns Hörern, um mit Loriot zu reden, nur: „die Bewunderung einer Gesamtleistung als Summe von Können und Fleiß oder Treue aus Willen zur Leistung. Hingabe als Anliegen im Dienste der Sache im Willen zum Glauben an Leistung durch Hingabe zur Musik im Verzicht auf Können ohne Anliegen. Aber Treue zur Leistung durch Willen im Glauben zur Sache in der Hingabe an Aufgabe und Anliegen im Dienste der Musik aus Überzeugung. Können im Glauben an die Summe von Treue und Leistung im Geiste richtig verstandener Tradition. Oder, wie der Dichter sagt: Musik“. (Deutsche Grammophon 410 745/1) Benjamin Henrichs