So etwas war den Zollbeamten am Hamburger Flughafen vermutlich noch nicht passiert. Da geht eine flotte junge Dame, soeben aus London eingeflogen, „schnurstracks beim Zoll zur roten Abteilung, bei der zollpflichtige Ware angemeldet werden muß. Ich stelle mein Gepäck ab. Der Beamte mustert mich fast belustigt, bis ich ihm, zum Ernst der Situation passend, mitteile: ‚Ich habe einen Wal dabei‘.“

Der Beamte „scheint zu überlegen, ob ich ihn veräppeln will“. Sie will nicht. Ihr Wal ist ein toter Pottwal-Embryo im Glas, der freilich genauso durch das auch von der Bundesrepublik unterzeichnete „Washingtoner Artenschutzabkommen“ (WA) vom internationalen Handel ausgenommen ist wie etwa Spermacet-Öl oder Meeresschildkrötenpanzer. So farbig schildert

Petra Deiner: „Das Buch der Wale“; Hoffmann und Campe, Hamburg, 1983; 208 Seiten, 39,80 DM,

ihren Kampf um die Erhaltung der riesigen Meeressäugetiere. Die engagierte Naturschützerin kann freilich nicht nur gut schreiben, sie versteht auch viel, sehr viel von Walen: Die seltene Frucht im Glas diente ihr als Anschauungsmaterial für ihre Doktorarbeit zum Thema „Embryonalentwicklung des Pottwals“, weshalb sie auch guten Gewissens ihr Mitbringsel beim Zoll anmelden konnte.

Die Leviathane sind in jeder Hinsicht ein pralles Thema. Und Petra Deimer, Gründerin der „Gesellschaft zum Schutz der Meeressäugetiere e. V.“, weiß ihre Leser zu ködern: „So ist der Blauwal mit mehr als 30 Metern Länge das größte Tier, das je auf Erden existierte. Der Pottwal hält mit mehr als 1000 Metern Tiefe den Rekord im Tauchen... Der Grauwal schlägt jedes andere Tier im Langstreckenwandern ... Der Buckelwal kreiert jedes Jahr einen neuen Hit; er hat die Stellnetzfischerei erfunden, um mit Hilfe eines raffinierten Luftblasentricks Meeresfrüchte tonnenweise in sein Maul einzufahren.“

Bei derlei Rekordbuch-Superlativen bleibt das Buch freilich nicht stehen. Deimer mischt gekonnt eigene Erlebnisse, etwa bei den Pottwaljägern der Azoren oder beim Paarungsspiel der Grauwale in der Baja California, mit anatomischen und physiologischen Details, die außerhalb der Fachliteratur bislang kaum bekannt waren. Und sie beschreibt, wie für eine Gruppe bedrohter Tierarten auf nationaler und internationaler Ebene erfolgreich lobbyiert werden kann – natürlich auch hier aus erster Hand: Sie war 1982 bundesdeutsche Delegierte bei der internationalen Walfang-Kommission. Nun gelang ihr ein gutes Sachbuch. GH