Ich, ein blinder Rollstuhlbenützer, gerate immer wieder an körperlich Gesunde, die empört sind, wenn ich von mir als von einem Krüppel spreche. „Krüppel“, so heißt es dann, sei doch ein böses, ein kränkendes, ein verletzendes Wort. Ein Wort, das doch längst der Vergangenheit angehören sollte, weil doch das Wort körperbehindert viel humaner und menschlicher sei.

Natürlich wünschte auch ich mir mehr Menschlichkeit. Doch auf die Art Humanität, die sich darin erschöpft, das Wort körperbehindert statt des Wortes Krüppel zu gebrauchen, kann ich getrost verzichten.

Wie weit wir von Humanität und Menschlichkeit tatsächlich noch entfernt sind, das wurde Blinden, die außerdem von weiteren Behinderungen betroffen sind, bewiesen, als im Jahr der Behinderten eine Gesetzesänderung eingebracht wurde, nach der ihnen das Pflegegeld, das wegen der vorliegenden zweiten Behinderung gewährt worden war, zum 1. April 1982 gestrichen wurde.

Blamabel war dann auch das Verhalten der Volksvertreter, wenn man sie nach dem Sinn und der Rechtfertigung für diese Gesetzesänderung fragte. Abgeordnete, die sich christlich nennen, antworteten entweder gar nicht, oder beriefen sich darauf, daß die Städte nicht das Geld hätten, außer Blindengeld noch ein Pflegegeld zu zahlen.

Für den Betroffenen ist es gleich, welcher Fraktion der Abgeordnete angehört, und auch körperlich gesunde Volksvertreter sollten eigentlich wissen, daß ein mehrfach Behinderter umfangreichere Pflege benötigt als jener, der nur von einer Behinderung betroffen ist. (Das Blindengeld soll Mehrkosten ausgleichen, die durch die Blindheit bedingt sind, während das Pflegegeld dazu dient, die alltägliche Pflege auszugleichen.)

Wird einem mehrfach behinderten Blinden außer dem Blindengeld noch ein Pflegegeld gewährt, so ist der für ihn aufgebrachte Betrag immer noch geringer als der, der aufgebracht werden müßte, wenn er in einem Heim versorgt werden muß. Ein solcher Heimplatz ist unter 3000 bis 5000 Mark pro Monat nicht zu haben.

Von dieser Gesetzesänderung wurden in der Bundesrepublik lediglich einige hundert Personen betroffen. In der zweiten Hälfte des Jahres 1982 wurde die Entscheidung aus dem Jahre 1981 dahingehend abgeändert, daß uns vom 1. April 1982 an 75 Prozent des bis zum März 1982 gezahlten Pflegegeldes wieder gewährt wurde. Vom 1. Januar 1984 an wird das Pflegegeld um weitere 25 Prozent „abgeschmolzen“. vom 1. Januar 1985 an wird es nochmals um 20 Prozent gekürzt.