Von Cordt Schnibben

Der letzte große Brand wütete 1712 zwischen den Stadtmauern, am Ende des 2. Weltkrieges ließen die alliierten Bomber die unbedeutende Stadt in Frieden, und auch der Modernisierungsfimmel der sechziger Jahre schaffte es infolge Geldmangels nicht, den Stadtkern gründlich genug zu zerstören – Iserlohn konnte einiges aus dem 18. und vieles aus dem 19. ins 20. Jahrhundert hinüberretten.

Zugegeben, das brachten Dutzende anderer Städte auch fertig. Die „Fabriksken“ aber, die sind das Besondere an der Grenzstadt zwischen Ruhrpott und Sauerland: kleine Fabriken, erbaut in der wirtschaftlichen Glanzzeit Iserlohns, versteckt hinter Gründerzeit- und Jugendstilfassaden oder in aller Öffentlichkeit dem Abriß entgegengammelnd. Kurze, bauchige Schornsteine weisen dem, der Architektur nicht nur bei Kirchen und Schlössern bewundert, den Weg in Hinterhöfe und Nebenstraßen, zu Profanbauten mit Seltenheitswert. Der Weg lohnt sich, denn schließlich sind es nicht irgendwelche Fabriken: Iserlohn bildete mit Lüdenscheid und Altena im 19. Jahrhundert eines der größten Industriegebiete der Welt.

Seither hat sich in Iserlohn im Grunde nicht viel getan, mit der schönen Konsequenz, daß der Besucher eine Industriestadt des vorletzten Jahrhunderts besichtigen kann, mit der betrüblichen Folge allerdings auch, daß die Iserlohner nicht mehr in einem Weltzentrum, sondern in einer kleinen Stadt irgendwo im Sauerland leben.

Das muß erst mal verkraftet sein, und darum sollte jeder Gast über die ausgeprägte Schwäche der Einheimischen für Superlative großmütig hinwegsehen. Zumal er sonst nie erfahren würde, daß der größte Schaufelbagger der Welt auf Raupenteilen aus Iserlohn fährt, daß in der Stadt die erste kommunale Großkläranlage Westfalens zu Hause ist und daß Iserlohn die erste Tiefgarage des Sauerlandes beheimatet.

Die unterirdische Garage wurde praktischerweise dort gebaut, wo – mitten in der Stadt – ein eingestürztes Bergwerk schon ein riesiges Loch gerissen hatte. Im Prinzip brauchte man oben nur noch Beton darüberzugießen, und fertig war ein Stück Großstadt. Ein sechs Meter hoher Belüftungsturm und mächtige Steinquader („Westwall“) künden überirdisch von der städtebaulichen Pioniertat unter Tage.

Beton ist seither viel in die City geflossen und zwingt jeden Stadtbummler zu einem Slalom zwischen steinernen Rabatten und Wülsten. Zwischen Autos zum Glück nicht auch noch: Iserlohn rühmt sich der ältesten voll ausgebauten Fußgängerzone des märkischen Kreises, einer Zone allerdings, die keiner gebaut haben will. Sie erregt noch heute die Gemüter so, als hätte sie erst vor kurzem die Innenstadt verschandelt. Dies sei ein typisches Beispiel dafür, wie sich der Rat der Stadt immer wieder von den Folgen seiner Beschlüsse überraschen lassen müsse, verallgemeinert der Chefredakteur des Iserlohner Kreisanzeigers. Die Schuld wird gemeinhin einem Architektur-Professor aus Münster zugesprochen.