Eine Lebensbeichte: Ingeborg Days autobiographisches Buch „Geisterwalzer“

Von Peter Hamm

An diesem „Geisterwalzer“ werden sich die Geister scheiden. Die einen werden das Buch leidenschaftlich ablehnen, ja verabscheuen, die anderen es ebenso leidenschaftlich – nein, vermutlich nicht lieben, aber doch verteidigen. Kalt lassen kann es sicher niemanden.

Und auch diese – meine – Reaktion ist denkbar: das Hin- und Hergerissensein zwischen ebenso heftiger Abneigung wie Zuneigung, Abneigung gegen viele skandalöse Sätze dieses Buches, Zuneigung zu dieser Autorin, die sich und uns eben diese Sätze nicht erspart hat, nicht ersparen konnte, die – offenbar wie unter Zwang – dieses Buch schreiben mußte, um sich zu befreien von etwas, und die sich – soviel sei schon vorweggenommen – damit doch nicht befreien konnte.

Ingeborg Days Buch hat nichts mit einem Roman, nichts mit „Fiction“ zu tun, es handelt sich bei diesem „Geisterwalzer“ vielmehr um eine confessio, vielleicht sollte ich eher sagen: um eine Beichte; in jener Gegend, aus der Ingeborg Day stammt, hatte man von jeher mehr zu beichten als zu bekennen. Nur einmal, in der jüngsten Geschichte, war das für ein paar Jahre lang anders, da stand vielen der Sinn nach einem Bekenntnis, etwa dem Vater unserer Autorin, der sich damals, noch vor dem sogenannten „Anschluß“ seiner österreichischen Heimat ans „Reich“, zu Adolf Hitler bekannte und an seinem „Führer“ und der eigenen SS-Karriere offenbar weder irre wurde, als ringsum Menschen allein um eines anderen Bekenntnisses oder um ihres „Blutes“ willen vertrieben, deportiert, gefoltert und vernichtet wurden, noch, als die Städte seiner Heimat in Schutt und Asche versanken und fast jede Familie gefallene Söhne beweinte. Ingeborg Days „Geisterwalzer“ läuft nun – und das macht das Buch so provokativ – auf das Geständnis hinaus, daß sie, die Tochter, den Vater für seine politische Vergangenheit nicht zu verurteilen, ja, sich nicht einmal von ihm zu distanzieren vermag, daß sie im Gegenteil Distanz, Mißtrauen und Abneigung gegenüber jenen zu empfinden glaubt, deren Existenz – deren vernichtete Existenz – den Vater für immer zum Schuldigen stempelte: den Juden.

Ein neurotischer Fall

Eines jener Rechtfertigungs-Machwerke, wie sie in rechtsradikalen und gelegentlich auch bereits in sich als rechtsliberal verstehenden Kreisen geschätzt werden (ich erinnere nur an Hellmut Diwalds „Geschichte der Deutschen“, die der Propyläen-Verlag herausbrachte), ist dieser „Geisterwalzer“ allerdings nicht. Ingeborg Day bestreitet weder den Holocaust noch erlaubt sie sich die geringsten Schuld-Relativierungs-Versuche, sie fühlt sich vielmehr gerade deswegen, weil für sie die Verbrechen so unfaßbar groß sind und die monströse Zahl „6 Millionen“ sie ununterbrochen martert, dazu aufgerufen, den Nachweis zu erbringen, daß ihr Vater mit solchen Verbrechen nichts zu tun gehabt hat, nichts zu tun gehabt haben kann.