In die Freudenfanfaren zur wieder einmal größten Frankfurter Buchmesse in dieser Woche, mit immer noch mehr Büchern, mischen sich zwei Warnrufe. Wenn eher zurückhaltende Verkäufer – wie Verleger – von „Zensur“ sprechen und während der Messe eine Protest-Veranstaltung planen unter dem Titel: „Bücher in Vorbeugehaft“; wenn eher im Stillen wirkende Leute – wie Bibliothekare – die Leser, Steuerzahler und Politiker aufscheuchen mit der Prophezeiung, bei weiterem (sinnlosem) Spar-Wahn am Haushalt für Kultur sei „in spätestens zehn Jahren das Öffentliche Bibliothekswesen in unserm Land praktisch ausgelöscht“, dann sollten wir solch doppelten Aufschrei hören.

Was ist geschehen? Auf den ersten Blick Erfreuliches: In Deutschland greift eine neue Schicht von Lesern zum Buch – Polizisten und Kriminalbeamte. Drei von ihnen kamen vor einigen Tagen in die Montanus-Buchhandlung in München-Schwabing. Mit roten Ohren standen sie vor den Regalen und lasen und lasen und lasen. Ein Anblick, der jedes Buchhändler-Herz erfreut. Nach ihrem Lese-Stündchen gaben sich die Herren als Literaturkenner der Kriminalpolizei zu erkennen.

Wozu Verlagslektoren, Literaturwissenschaftler und Kritiker Wochen brauchen, nämlich zu entscheiden, ob ein Text „Pornographie“ oder „Kunst“ sei, dazu genügte den Fachleuten aus dem Kommissariat oberflächliches Anblättern. Weil sie „Gefahr im Verzug“ witterten, nahmen die Literatur-Polizisten sechs Bücher mit – Bücher, die zum Teil seit über einem Jahrzehnt ungehindert verkauft werden oder bereits in Literatur-Lexika als Dokumente „von höchstem kunst- und kulturgeschichtlichem Wert“ verzeichnet sind: Anaîs Nin „Das Delta der Venus“, Nancy Fridays Bücher über „Die sexuellen Phantasien der Frauen“ und „der Männer“, Günter Amendts viel gelesenes „Sexbuch“ (nicht nur für Jugendliche), Alex Comforts „Joy of Sex“ (in der Bundesrepublik in über 600 Tausend Exemplaren verbreitet) und eine Dokumentation über „Pioniere und Prominente des modernen Sexfilms“.

Für die betroffenen Verlage (Droemer Knaur, Goldmann, Rowohlt, Ullstein) ist klar, daß mit diesem „eklatanten Fall von Willkür“ die Verfolgung von Literatur „ein neues Stadium erreicht“ hat. Zwar wurde der Verlagsleiter von Rowohlt, Mathias Wegner, im Sommer vom Vorwurf freigesprochen, pornographische Literatur zu verbreiten, inzwischen hat es sich die Staatsanwaltschaft Lübeck aber anders überlegt und „Rechtsmittel gegen das Urteil eingelegt“. Droht Wegner doch noch eine Verurteilung, weil Rowohlt José Pierres „Rosa Autostop“ und „Schwestern“ von Pierre Louys (1870-1925) verlegt hat, ein Werk, das Wegner vor Gericht treffend als „phantastischen literarischen Alptraum“ erklärt hat? Bei Rowohlt sieht man den neuerlichen Einspruch als Teil einer konzertierten Aktion der „Prüderie-Mafia“ (so Rüdiger Hildebrandt von Droemer Knaur).

Ähnliche Tendenzen der Bevormundung hat am Wochenende die Jahresversammlung des Verbandes der Bibliotheken in Nordrhein-Westfalen kritisiert: „Knapp zwei Jahre reichten aus, um in zwanzig Jahren mühevoll Erreichtes zunichte zu machen“ – so kommentieren die Bibliothekare die Tatsache, daß ein Drittel der Öffentlichen Großstadtbibliotheken seit 1981 Kürzungen der Ankaufsmittel biszu 50 Prozent hinnehmen, Benutzungsgebühren wieder einführen und die Öffnungszeiten verringern mußten. Während Frankreich den Kultur-Etat von Jahr zu Jahr erhöht, sparen die Deutschen ausgerechnet am geringsten Haushaltsposten, an der Kultur. Da die Ankaufsmittel für Bibliotheken nur etwa 0,05 Prozent des Gesamt-Etats einer Gemeinde ausmachen, bringen solche Pfennig-Beträge für die Sanierung des Haushaltes so gut wie nichts, schädigen die Büchereien auf die Dauer aber im Kern.

Wenn die neuen Bücher mit den aktuellen Daten erst einmal nicht mehr angeschafft werden, verliert eine Bibliothek rapid ihren Wert. So exakt hat es noch kein Bibliotheksverband hochgerechnet: Werden die Ankaufs-Etats nicht sofort wieder aufgestockt, dann gibt es in den Großstädten in zehn Jahren „keine gebrauchsfähigen öffentlichen Büchereien“ mehr. Auch das ist die Wirklichkeit im Buch- und Buchmesse-Land Bundesrepublik.

Rolf Michaelis