Von Christine Nöstlinger

Christine Nöstlinger, am 13. 10. 1936 in Wien geboren, braucht den Lesern eigentlich nicht vorgestellt zu werden. Sie ist die wohl bekannteste Kinderbuch-Autorin der Gegenwart. „Wir pfeifen auf den Gurkenkönig“, „Maikäferflieg“, „Ilse Janda, 14“, „Konrad oder Das Kind aus der Konservendose“ sind Bestseller von heute und Klassiker von morgen. Die Nöstlinger haßt das Sinnhuberische, Feierliche, Schleiflack, Musterknaben, aufgedunsenes Vokabular, die sogenannten lebensnahen Bücher, Spießerei, Bombast, Schulhäuser, die nach fetten Lederhosen riechen, schlechte Köche, Drängier und muffige Fresser. Sie unterhält gesunden Argwohn gegen kindertümlich befaßte Personen, Podiumsdiskussionen, Lesungen und Schulräte, die fürs gebundene Wort schwärmen. Christine Nöstlinger wird in unserer Kolumne Bücher für Kinder besprechen und eröffnet diese Reihe mit einem Bilderbuch von Sempé.

Im Verständnis derer, die üblicherweise Kinderliteratur besprechen, scheinen Kinderbücher mit „großer“ Literatur so wenig zu schaffen zu haben, daß diese guten Leute meinen, nach grundlegend anderen Kriterien werten zu müssen.

Keine Zeitung, die auf sich hält, würde die Besprechung eines Romans bringen, deren zweiter Absatz folgend beginnt: „Ich habe das Buch meiner sechzigjährigen Tante zu lesen gegeben. Sie hat es nach dem zweiten Kapitel weggelegt. Für Tanten um sechzigJahre scheint es daher ungeeignet!“

Kinderbuchkritiker hingegen dürfen ungestraft vom Lesevergnügen ihres Sohnes oder Neffen auf die Qualität eines Kinderromans schließen, und haben sie keinen minderjährigen Probeleser zur Hand, sinnieren sie selbst, ob das Buch „allen Kindern gefällt“, denn sie sind der wackeren Überzeugung, nur ein Buch, welches bei sehr vielen Kindern Anklang findet, könne ein sehr gutes sein. Bei der Beurteilung von dem, was Erwachsene lesen, führt kein besserer Kritiker Auflagezahlen als Qualitätsmerkmal an; es sei denn, als negatives. Auch habe ich noch nie, außer in Kinderbuchrezensionen, gelesen, daß ein Buch eine brauchbare „Lebenshilfe“ sei oder „keine Antworten auf aufgeworfene Fragen“ biete. Von dem, der für Erwachsene schreibt, wird auch nicht gefordert, daß er Einfaltspinsel wie Egg-heads, Altbauern wie Jungarbeiter, Griesgräme wie Sonnengemüter und Konservative wie Fortschrittliche gleichermaßen erfreue. Nur das „Gute Kinderbuch“ hat „alle Kinder“ – einer Altersstufe natürlich, darauf achten die Experten – zur Zielgruppe zu haben: die dummen wie die tiefdenkenden, die klugen wie oberflächlichen, die sensiblen wie die beinharten, die rührseligen wie die realistischen, die angepaßten wie die aufmüpfigen. (Daß es derart unterschiedliche Kinder gibt, wird wohl nur leugnen, wer meint, man kriege seine ganz individuelle Struktur erst zum Termin der Großjährigkeit aufgebuckelt.)

Dazu kommen noch, je nach Weltsicht des Kinderbuchkritikers, folgende Forderungen: soziale Phantasie wecken, schockierende Sachverhalte behutsam mitteilen, Hoffnung offen lassen, zu Toleranz aufrufen, kindgemäße Rede führen, auf Minderheiten und Außenseiter eingehen, Spaß bereiten, archetypische Grundmuster weben, anpassen lehren, auflehnen lehren, and so on and so on ..

Da ich fast fünfzig Kinderbücher geschrieben und sicher fünfzig mal so viele Kinderbuchkritiken gelesen habe, bin ich natürlich in der Lage, den CARLINO CARAMEL von Sempé, nach diesen Kriterien zu besprechen, und das geht so: