Von Jürgen Kocka

In der Forschung über den Nationalsozialismusgab es in den letzten zwei Jahrzehnten ausgedehnteKontroversen, die auch eine breitere Öffentlichkeit berührten, weil es dabei um die grundsätzliche Einordnung des Dritten Reichs in die deutsche Geschichte und um das Selbstverständnis der Gegenwart ging. So war heftig umstritten, ob man den Nationalsozialismus als eine Spielart des allgemeinen Phänomens „Faschismus“ verstehen und mit Mussolinis fascismo zusammen sehen sollte, oder ob man ihn richtiger als eine Form des Totalitarismus begreifen und insofern seine Ähnlichkeit mit dem Stalinismus betonen sollte.

Eine zweite Kontroverse entzündete sich an der Ursachenanalyse: Nationalsozialismus als eine Verwirklichung von Gefahren, die kapitalistischen Systemen im Prinzip immer und auch heute noch drohen, oder Nationalsozialismus als Resultat einer spezifischen historischen Konstellation, deren Macht nicht zuletzt durch die Folgen von Diktatur, Weltkrieg und Zusammenbruch gebrochen sein mag. – In einer dritten Kontroverse ging es um die Bedeutung der Persönlichkeit in der Geschichte, um das Gewicht des „Führers“ in der Politik des Dritten Reichs.

Und schließlich eine vierte Kontroverse, ein Dauerbrenner der Diskussion: Ist es berechtigt, den Sieg des Nationalsozialismus als „Revolution“ zu bezeichnen, wie es die Nazis selbst taten? Revolution impliziert Systemwechsel und Gewaltsamkeit; zweifellos waren das Merkmale der „Machtergreifung“ und der nationalsozialistischen Diktatur. Revolution meint meist auch: radikalen und rapiden sozialen Wandel mit einer Massenbewegung als treibender Kraft und den alten Gewalten als Gegnern; man mag bezweifeln, ob dieses Kriterium vom Nationalsozialismus erfüllt wurde, der doch an dem privatkapitalistischen Charakter der Eigentumsverhältnisse kaum etwas änderte und überdies zweifellos nur im Bündnis mit der konservativen Rechten zur Macht kam, gestützt von starken Gruppen aus Großindustrie und Großlandwirtschaft, aus Heer und hoher Bürokratie.

In all diesen Kontroversen wurde versucht, die Erfahrung des Nationalsozialismus mit begrifflichanalytischen Mitteln zu deuten, theoretisch einzuordnen und mit der Gegenwart in Beziehung zu setzen. Aus ihnen gingen viele empirische Untersuchungen hervor, und natürlich wirken sie weiter. Aber in letzter Zeit haben sich vor allem jüngere Historiker von diesen Kontroversen und Deutungsschemata gelöst. Kritisch vermerken sie, daß die ältere Forschung und die gängigen Standardwerke (etwa von Bracher und Broszat) nicht genug berücksichtigt haben, wie die Zeitgenossen, vor allem die kleinen Leute, im alltäglichen Leben das Dritte Reich erfuhren und deuteten, wie ihr Leben, Denken und Fühlen davon betroffen waren. Programmatisch fordern sie, das NS-System „von unten und innen“ zu erklären, die Erfahrung der Betroffenen, ihre Wahrnehmungsmuster und Verhaltensformen zu erforschen und den „Alltag“ im Dritten Reich zu rekonstruieren. Nicht so sehr als Geschichte der übergreifenden Strukturen und Prozesse, vielmehr als Geschichte der Erfahrungen und Lebensweisen wollen sie Sozialgeschichte betreiben: Sozialgeschichte mit alltagsgeschichtlichen Färbung. Diese Akzentverschiebung, die sich auch in anderen Bereichen der Sozialgescnichte bemerkbar macht und manchmal als „Paradigmawechsel“ überschätzt wird, spiegelt sich in fünf Neuerscheinungen verschiedener Qualität:

Derley peukert und Iürgen Reulecke (Hrsg):ten“; Westermann Verlag, Agentur Ulf Pedersen, Braunschweig 1982; 316 S., 19,– DM.

Lothar Steinbach: „Ein Volk, ein Reich, ein Glaube? Ehemalige Nationalsozialisten und Zeitzeugen berichten über ihr Leben im Dritten Reich“; J. H. W. Dietz Verlag, Bonn 1983; 256 S., 24,– DM.