Nach seinem Sieg über Blücher kämpfte er gegen Wellingtons Armee. Sie hielt nur noch mit Mühe stand. Da zogen von hinten, Wellington zur Hilfe, die Preußen heran. Das war bei Waterloo. Napoleon schlug seine letzte Schlacht.

Er neigte Zeit seines Lebens dazu, sich mit Jeanne d’Arc, Karl dem Großen, vielleicht sogar mit Alexander zu verwechseln. Aber dann, im Jahre 1815, als Wellingtons Armee fast schon aufgerieben war, marschierten von hinten die Preußen heran. Sie zogen nach Waterloo, in die Provinz Brabant.

Infernos, Untergänge, letzte Schlachten sind zur Zeit unser Lieblingsthema. Es geht nur noch ums Ganze, Sekt oder Selters, Krieg oder Frieden. Schon ist der Krieg zum Mythos (der Friedensbewegung) geworden: Annäherungsversuche an Waterloo, überall.

"Achterloo" heißt das neue Stück von Friedrich Dürrenmatt, das im Züricher Schauspielhaus uraufgeführt wurde. Hauptperson: Napoleon. Ort der Handlung: "Irgendwo bei Waterloo".

Auch frühere Stücke Dürrenmatts spielten schon in dieser Gegend. Im dritten seiner einundzwanzig Punkte zu den "Physikern" wurde Waterloo zum Programm: "Eine Geschichte ist nur dann zu Ende gedacht", schrieb Dürrenmatt, "wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen hat."

"Die Physiker", ein Weltuntergang von 1962: "Nun sind die Städte tot ... eine blau schimmernde Wüste und irgendwo, um einen kleinen, gelben, namenlosen Stern kreist, sinnlos, immerzu, die radioaktive Erde." Diesen Nachruf sprach Möbius, der sich König Salomo nannte, als er das Problem der Schwerkraft gelöst hatte.

Am Ende von "Achterloo" wird Napoleon von einer Frau ermordet. Dann erst tritt ein Arzt auf: "Fräulein Leutenegger, Sie haben sich wieder eingebildet, Judith zu sein." In der letzten Szene des Stücks stellt sich heraus: "Achterloo" ist eine Nervenklinik. Fräulein Leutenegger und Napoleon sind verrückt. Die Weltgeschichte ist ein Irrsinn.

Schon die "Physiker" spielten in einem Nervensanatorium. Auch jene Patienten mordeten, wie Fräulein Leutenegger, inkognito, nannten sich Newton oder Einstein (oder Salomo). Am verrücktesten von allen aber war Fräulein von Zahnd, die Klinikleiterin. Weil auch schon in den "Physikern" das Irrenhaus die Welt bedeutete, konnte Einstein am Ende sagen: "Die Welt ist in die Hände einer verrückten Irrenärztin gefallen." Die Welt mußte also untergehen, schon 1962. Das war die Nierentisch-Philosophie.

Dürrenmatts Stücke waren lange Zeit von den Bühnen verschwunden, nun spielt man sie wieder, am liebsten "Die Physiker". Neuerdings in Zürich auch "Achterloo". Darin bietet uns Dürrenmatt seine Prämisse, den Wahnsinn der Welt, als Pointe an. Das ist ein untrügliches Kennzeichen für, vorsichtig gesagt, ein Alterswerk. Man kann daran aber auch lernen, was Dürrenmatt nie lehren wollte: Wie nahe uns die fünfziger Jahre sind.

"Achterloo" soll nicht mehr nur Entwurf, sondern Beweis sein. Die Parabel vom Narrenhaus der Welt: ein Zeitstück. Napoleon wälzt Jaruzelskis Probleme und trägt dessen Sonnenbrille. Der Kirchenreformer Johannes Hus, der 1415 als Ketzer verbrannt wurde, verwandelt sich in Lech Walesa. Auch aus Warschau wird Waterloo.

Die Weltgeschichte wird zum Panoptikum. Woyzeck rasiert Napoleon. Jaruzelski zitiert Büchner. Richelieu ist eine Frau. Marion, Dantons Mätresse, ist Woyzecks Tochter, bis man sie als Fräulein Leutenegger entlarvt hat, weil sie Judith spielt. Vierzehntes oder zwanzigstes Jahrhundert, französische Revolution oder polnische Reaktion: egal. Was zu beweisen war.

"Achterloo" ist ein bodenloses Stück. So bodenlos wie die Züricher Uraufführung, die der Intendant des Schauspielhauses selber verantwortet. Er heißt Gerd Heinz. Wolfgang Mai hat den Bühnenboden mit zerknülltem Papier bedeckt. Napoleons Fernsehsessel ist verrottet, sein Himmelbett schmuddelig. An einer Leine quer durch den Raum sind mit Wäscheklammern Bilder der berühmtesten Napoleondarsteller aufgereiht. Im Hintergrund glänzt golden ein Schlachtroß.

Auch Güllen, wohin die alte Dame Zachanassian schon 1956 zu Besuch kam, war "verrottet" und "verdreckt". Natürlich war das Dürrenmatts moralisches Urteil über Güllen und die Welt. Im Theater jener Zeit war es ein ästhetischer Sonderfall. Die Überraschung, die Sensation gehörten zu Dürrenmatts Programm. Jetzt ist die Überraschung alt, sind Bühnenbilder wie diese tatsächlich marode. Genauso wie die Altherrenwitze des Stücks: Hus muß ein Pornomagazin edieren, Walesa an Freßsucht leiden. "Achterloo" wurde zum Waterloo für Dürrenmatt und das Züricher Schauspiel.

Am erträglichsten (im Gegensatz zur tragödienhaft dröhnenden Maria Becker als Kardinal Richelieu) blieb Fritz Schediwy, welcher gleichzeitig Napoleon, Jaruzelski, Holofernes und nervenkrank sein mußte. Nicht selten war er nur mit einem Nachthemd bekleidet. Ist es ein Wunder, wenn er mit den Augen rollt?

Helmut Schödel