Von Andreas Kohlschütter

Er ist dabei, wo die ersten Rohentwürfe derGeschichte geschrieben werden. Er tauchtein in schicksalsträchtige Ur- und Grenzsituationen, begegnet jenen politischen Akteuren und geistigen Schrittmachern, die den Geschichtsteig anrühren. Peter Scholl-Latour beweist sich in seinem zweiten Bestseller einmal mehr als Reporter par excellence. Als einer, der hingeht, um mit eigenen Augen zu sehen, der keine Widerwärtigkeiten und Gefahren scheut, um aus erster Hand zu erfahren. Das macht Scholl-Latour im deutschen Sprachbereich zu einer Rarität. Er lebt seinen Journalismus nicht aus dem Archiv, sondern aus Koffer und Notizbuch. Abstraktion ist ihm fremd, Unmittelbarkeit und Konkretsein bedeuten ihm alles. Darin liegt die Stärke und zugleich die Schwäche seines Buches, das nun seit Monaten auf Platz 1 der Spiegelbestsellerliste steht.

Sensible Beobachtungsgabe, fesselnd impressionistische Erzählkunst und Schilderung von Menschen, Momenten, Milieus, kennzeichnen die 112 Reportagen aus der Welt des Islam. Mit gelegentlich allzu brüsken Schwenks und in oft kaum mehr zu verkraftender Erlebnisfülle präsentiert der Autor Schauplätze, die das weite Spektrum seiner journalistischen Tätigkeit abdecken: mit den islamischen Aufständischen in Afghanistan, mit den Muslimrebellen auf den Philippinen, mit den Polisario-Guerillas in der Sahara; Libyen und Teheran, das weiße Algier, Beirut, Bagdad und Chomeini; Kairo, Kaschmir, Sinkiang, Südjemen, Dakar und Arafat; Ankara, Taschkent und Pakistan und Saudi-Arabien und Jerusalem und Tunis und so weiter. Ab und zu scharfsinnige Aperçus, die den Sinn des Orientreisenden für Hintergründiges verraten. Immer auch wieder ein Schuß Lexikon, einige Löffel Schulwissen, Happen für den Bildungsbürger. Dieses Bestseller-Mix ist Scholl-Latour großartig geglückt.

Und geglückt ist ihm auch das den Reporter auszeichnende „Gleichgewicht des Mitgefühls“, jene situationsbedingte, wahrheitsgerechte Unvoreingenommenheit bei der Beurteilung islamischer Phänomene und vis-à-vis. Selbst wenn dabei eigene Schatten zu überspringen sind. Wer den Autor als eingefleischt-unverbesserlichen Erzkonservativen, ja Reaktionär verschreit, tut ihm Unrecht.

Zur Person des exzentrischen Libyenherrschers Muammar al-Ghaddafi, sagt er: „Das Verwirrende lag auch darin, daß keine systematische Verteufelung auf ihn paßte und daß man diesem inspirierenden Querulanten eine gewisse Sympathie nicht verweigern konnte.“ Und über den im Westen, in Unkenntnis der Lage, so oft als Wahnsinnigen beschriebenen Ayatollah Chomeini meint er: „Hier begegnete ich einem Mann von biblischer Dimension, der den Richtern und Propheten des alten Testaments verwandt war, dieses System der institutionalisierten Heiligkeit hatte seine eigene Logik, seine eigene Methode sogar ...“ Hier war der westlichen Rationalität, die die Pahlevi-Herrscher so mühselig in Persien einführen wollten, ein Riegel vorgeschoben worden. Hier traten im Gewande der Mystik uralte Realitäten zutage.

Die Afghanistan-Kapitel – sie gehören zu den besten des Buches – zeichnen sich durch dieselbe ruhige, vernunftorientierte Sicht des Nicht-Ideologen und Nicht-Scheuklappenträgers aus. Scholl-Latour zeigt viel Gespür und Interesse, auch dies in Reporterkreisen leider selten, für die Wurzelbereiche der Tages- und Schlagzeilenereignisse, mit denen er konfrontiert wird. Eigentlich contre coeur muß er zugeben: Afghanistan war lange vor dem pro-sowjetischen Putsch vom April 1978 „in eine fatale Abhängigkeit von Moskau geraten“ und Bestandteil der sowjetischen Macht- und Einflußsphäre in Zentralasien geworden.

Eine Gefährdung dieses durch den Militärcoup vom Frühling 1978 untermauerten Status-quo wollte Moskau nicht hinnehmen. Die Machtergreifung kriegerischer Mullahs und Islampartisanen in Kabul, so kommentiert der Autor, wäre für die Kremlführung eine unerträgliche „ideologische und strategische Schlappe“ gewesen. Mit zu begrüßender Nüchternheit neigt Scholl-Latour der defensiven Lesart der sowjetischen Afghanistanpolitik zu. Er bezweifelt, daß die Russen Drahtzieher der „Saur-Revolution“ und des Umsturzes vom April 1978 waren, hinter dem er mehrheitlich „ehrliche, reformfreudige Nationalisten“ sieht. Er legt dar, daß wegen des Ansteckungsrisikos für die islamischen Völker in der UdSSR im Land der Afghanen Mohammed nicht über Marx triumphieren durfte.