/ Von Joachim Nawrocki

Peter S., 27 Jahre: Seit einem halben Jahr ist er in West-Berlin, hat Fuß gefaßt als Krankenpflegehelfer. In Ost-Berlin gehörte Peter S. zum engen Kreis von Pfarrer Rainer Eppelmann, der durch eine unkonventionelle und intensive Jugendarbeit und als Initiator eines Friedensappells an Erich Honecker bekannt wurde. In der Gemeinde von Pfarrer Eppelmann war Peter S., wie er sagt, als "Gemeindeschwester" angestellt, mit einem Gehalt von 400 Mark monatlich. Das heißt, er hatte Aufgaben übernommen, die sonst von Gemeindeschwestern erfüllt werden, war aber eigentlich Mädchen für alles, Betreuer von pflegebedürftigen Alten und haltlosen Jugendlichen, Leiter von Gesprächs- und Bibelkreisen und Mitveranstalter der berühmten Blues-Messen, die Tausende von Jugendlichen in die Kirchen locken.

So ein junger Mann ist interessant für den Staatssicherheitsdienst. Zwei Jahre lang wurde er immer wieder zum Verhör geholt, mal freundlich, mal weniger freundlich, mal mußte er stundenlang warten, mal wurde er wegen unpassender Antworten auch geschlagen. Nie, wenn er auf der Straße ging, konnte er sicher sein, daß nicht plötzlich neben ihm ein Wagen halten würde, aus dem heraus er aufgefordert werden würde, "zur Klärung eines Sachverhalts" mitzukommen. Sicher war er nur, daß jedes Gespräch, jede Regung in seiner von der Gemeinde gestellten Wohnung mitgehört wurde, ganz so, wie es Wolf Biermann mal gedichtet hatte: "Ihr Brüder von der Sicherheit, ihr allein kennt all mein Leid."

Aber er hat sich nicht unterkriegen lassen. Weder hat er seine Jugendarbeit und die Zusammenarbeit mit Pfarrer Eppelmann aufgegeben, noch hat er sich als Stasi-Informant anwerben lassen. So durfte Peter S., als "hoffnungsloser Fall" sozusagen, im letzten November ausreisen, mit Frau und Kind. Sogar seine Möbel und Bücher konnte er mitnehmen, obwohl es bei der Vorbereitung der Ausreise eines der größten Probleme war, in Ost-Berlin Kartons und Kisten für das Umzugsgut aufzutreiben. Trotz allem hat er seinen berlinischen Humor behalten, seine Heiterkeit, Gelassenheit und Genügsamkeit sowie seine tätige Nächstenliebe. Behalten hat er aber auch ein fortwährendes nervöses Zucken um die Augen – eine Folge der Entschlossenheit, sich nicht anpassen zu lassen.

Ein deutscher Lebenslauf – Geschichte eines Menschen, dem in der angeblichen Nischengesellschaft der DDR nicht einmal im Schoß der Kirche eine Nische blieb, in der er sich dem Zugriff des Staates hätte entziehen können.

Gehänselt und angemacht