Von Fritz J. Raddatz

Nur genesene Midasse schreiben ein Märchen, das dann, à sùo tono, ebenfalls gesund und immer schöner und schöner wird. Georg Lukács

Mit der Beendigung des vierten Bandes seines gigantischen Romans „Jahrestage“ – also dem Abschluß eines knapp 2000 Seiten umfassenden Werkes – liegt eines der grandiosen Literatur-Werke des letzten Viertels unseres Jahrhunderts vor. Ich bin mir sicher, daß es eines der unvergänglichen Denkmale der Zeit ist, unvergleichlich in seiner schwer entzifferbaren Komposition aus gläserner Klarheit und rätselhafter Dunkelheit. Die letzte, nur scheinbar lakonische Seite des Riesenepos – „29. Januar 1968, New York, N.Y. – 17. April 1983, Sheerness, Kent“ – faßt nicht nur die 15 Jahre zusammen, die ein Künstler an diese Prosa-Architektur wandte; der Satz ist auch Kürzel eines Lebens.

Das begann – als schriftstellerische Laufbahn mit einer Nichtveröffentlichung; am 22. Februar 1957 ging dieser Brief an Peter Suhrkamp: „Sehr geehrter Herr Doktor Suhrkamp: dieser Brief betrifft das Manuskript ‚Ingrid Babendererde/Reifeprüfung 1953’, über das Sie durch Herrn Professor Mayer gesprächsweise unterrichtet sind und das ich Ihnen nun übersende. Ich bitte Sie also nachzusehen, wie Sie es lesen mögen und ob Ihr Haus ein Buch daraus machen will. Ich versichere Sie meiner außerordentlichen Hochachtung. U.J.“

Dieser Roman, bis auf entlegen publizierte Auszüge, wurde nie gedruckt. Statt dessen dann, 1959, „Mutmaßungen über Jakob“; und Uwe Johnson konnte konstatieren: „Mir war bekannt: wenn da ein Manuskript liegt, so ist es bestimmt, ein Buch zu werden. Und erst, als es gedruckt und rezensiert wurde, begriff ich, daß ich für einen Schriftsteller gehalten wurde.“

Schon dieser erste Roman hält das Figurenensemble des späteren roman-fleuve bereit, in Andeutungen und einer so vertrackten Fabel, daß der Verlag dem Buch eine Art Lesefahrplan beigab. Der Titel-„Held“ Jakob und Gesine Cresspahl scheitern bei dem Versuch, gemeinsam die DDR mit dem Westen zu tauschen:

„Jakob verläßt Westdeutschland. Die Alternative hat ihren Sinn für ihn verloren. Er läßt Gesine endgültig zurück und nimmt seinen Dienst wieder auf. Aber auf dem Weg zur Arbeit fällt er einem rätselhaften Unfall zum Opfer. Die Mutmaßungen über seinen Tod sind die Mutmaßungen über sein Leben, das im Westen fremd und im Osten nicht mehr heimisch war.“